Essen in wirklich feinen Restaurants (Mai 2017)

Ich bin ein recht simpel gestrickter Mensch. Es gibt Dinge, die ich mag. Es gibt Dinge, die ich nicht mag. Zum Beispiel mag ich es relativ lockere Klamotten zu tragen, eine Ahnung davon zu haben, wie gewisse Sachen funktionieren, und zu essen. Aber ich hatte ein Erlebnis, das gleich alle drei Dinge in Frage stellte, die ich so sehr mochte: Meine Frau und ich wurden in ein feines Restaurant eingeladen.

Die Sache mit feinen Restaurants ist ja, dass man da nicht wie Karl-Heinz aus der Fankurve des Unterschlöringer FC auftauchen kann. In der Regel wird davon ausgegangen, dass man zumindest anständige Kleidung trägt. Es muss ja nicht gleich ein Anzug sein, aber Jeans und T-Shirt weisen einen gleich als jemand aus, der offenbar nicht in die Kreise gehört, die sich in solchen Restaurants bewegen sollten. Also war auch meine Fließpulli / Baggy Pants Kombination vielleicht nicht ideal.

Meine Frau hatte bereits diesen Gesichtsausdruck, der mir sagte „Oh Gott, ich fühle mich völlig fehl am Platz!“ und der eigentlich klarmacht, dass sie das Essen nicht würde genießen können, weil ihr die ganze Zeit nichts anderes durch den Kopf ging.

Auf dem Tisch fanden sich acht verschiedene Sorten Besteck, fein säuberlich aneinandergereiht. In meinem bisherigen Leben bin ich mit drei Sorten Besteck ausgekommen: Gabel, Messer, Löffel. Vier Sorten, wenn man Teelöffel und Eßlöffel als unterschiedliche Gattungen bezeichnen möchte. Abgesehen davon, dass meine Vorliebe für lockere Klamotten also bereits mit der unausgesprochenen Regel des Hauses brach, die offenbar vorsah in Anzug und Krawatte zu erscheinen, fand ich mich auch in einer Situation wieder, in der ich nicht wusste, wofür das ganze Besteck eigentlich gedacht war. Aber immerhin ging es ums Essen, also konnte es schon nicht so schlimm werden.

Meine bisherigen Erfahrungen in Restaurants oder Etablissements, die dafür vorgesehen waren, dass man eine Mahlzeit zu sich nimmt, ließen es zu, dass ich sie in drei unterschiedliche Arten gliedern konnte.
Zum einen die normalen Restaurants, in denen es - meinen bisherigen Erlebnissen nach – eine Karte gibt, von der man ein Gericht bestellt, dass dann in der Küche zubereitet wird und irgendwann vor einem steht. In der Regel bestehend aus Fleisch, einer Beilage, wie zum Beispiel Kartoffeln, und Gemüse, wenn man nicht gerade eine Suppe oder einen Mischmasch aus diversen Ingredienzen nimmt, wie z.B. einen Salat oder eine Lasagne. Statt Fleisch nehmen Vegetarier auch gerne etwas, von dem sie wünschten, es würde so ähnlich aussehen wie Fleisch.
Oder schmecken.
Zumindest weiß man in normalen Restaurants in der Regel, was man bekommt: Einen Teller, auf dem dann alles drauf ist, was man gerne essen wollte.
Eine andere Art ist das sogenannte Buffet, bei dem viele verschiedene Speisen bereitstehen, von denen man sich dann nimmt, je nachdem, wie man gerade Lust hat. Kommt auch öfter in der Form eines All-You-Can-Eat-Buffets vor, was viele Leute - darunter auch meine Frau und mich - dazu verleitet nach dem Motto zu leben: „Lieber den Magen verrenken, als dem Wirt was schenken“. Meistens fragt man sich hinterher, ob Platzen wirklich der schönste Tod wäre.
Die dritte Art wäre der sogenannte Schnellimbiss, manchmal auch in Form von Fast-Food-Restaurants. Gerade in diesen ist es meistens völlig ohne Belang, wie man aussieht. Ob mit oder ohne Schal des Unterschlöringer FC, mit oder ohne offenen Bademantel und nichts darunter, es kümmert keinen.
Und das Essen gibt einen oftmals auch das Gefühl, als hätte es niemanden gekümmert.

Das Restaurant, in dem wir uns auf Einladung wiederfanden, passte in gar keine dieser drei Arten. Ein wenig fühlte ich mich wie Neil Armstrong, der die ersten Schritte auf dem Mond machte, als uns die Kellnerin die Karte in Form eines mit silbernen Wachs versiegelten Briefes überreichte. Ein kleiner Schritt für den Hunger, aber ein großer Schritt für den ignoranten Restaurantbesucher.
Als ich mit vor Aufregung zitternden Fingern das Siegel erbrach, fand ich darin nicht etwa eine Liste der Speisen, aus denen ich auswählen durfte. Nein, die Karte klärte uns lediglich darüber auf, was es zu Essen geben würde. Jegliches Mitspracherecht wurde uns genommen.

Als ich darüber nachdachte, kam ich zu dem Schluss, dass es vermutlich die Gäste davon abhalten sollte so etwas wie „Eima Pommes. Mach ma mit ordentlich Mayo“ bestellen zu wollen.

Die Kellnerin informierte uns, dass wir das Drei- oder Vier-Gänge-Menü wählen konnten.
Aha, doch eine Wahl!
Wenn wir das Drei-Gänge-Menü wählten, würde lediglich der erste Gang wegfallen. Dann verschwand sie und ließ uns in unserer Verwirrung allein.

Wir schaute uns die Karte genauer an. Statt klar zu sagen, dass dieses und jenes eine Suppe oder irgendwas anderes ist, stand dort einfach nur die jeweilige Zutat. Also beim ersten Gang so etwas wie: Jakobsmuschel / Rhabarber / Austernpilz / Passionsfrucht.

„Was heißt denn das jetzt genau?“, fragte meine Frau. „Liegt da eine ganze Passionsfrucht auf dem Teller?“
Ich zuckte mit den Schultern.

Was den ersten Gang anging, war uns das eigentlich egal. Wir sind beide keine Fans von Muscheln, wobei zumindest ich zugegeben muss, dass ich dazu neige Austern und Muscheln immer durcheinander zu bringen. Die eine Art enthält festes Fleisch, das man kauen kann, die andere enthält irgendeinen Glibber, den man herausschlürft und dabei so tut, als hätte man sich nicht selbst am eigenen Rotz verschluckt.

Wir beschlossen uns also auf das Drei-Gänge-Menü zu beschränken. Wie sich herausstellte, hatte das doch irgendwie vier Gänge , da die Kellnerin kurz darauf mit einer Art großen Porzellanlöffel zurückkam, den sie vor jeden von uns auf den Tisch stellte und feierlich sagte: „Ochsenbäckchen auf Blumenkohlpüree“.
Irgendwo hörte ich Posaunen, aber die bildete ich mir vielleicht ein.

Ich verkniff mir die Frage, ob das Bäckchen – und als mehr konnte man es wirklich nicht bezeichnen – aus der vorderen Backe oder der hinteren Backe stammte. Aber zumindest ließ sich vom ersten Blick her sagen, dass es sehr übersichtlich war.

Der Püree schmeckte, wie Püree in der Regel schmeckt: Irgendwer kam mal auf die Idee, dass man irgendetwas Eßbares nimmt und dann so schreddert, bis man es nicht mehr erkennt. Visuell und geschmacklich. Was das Ochsenbäckchen anging: Mir wurde zumindest klar, wie das Fleischstück zusammen gehalten wurde, denn die Sehne darin war wirklich reiß- und bissfest.
Als meine Frau mich mit dem Stück Fleisch kämpfen sah, hatte sie gleich darauf verzichtet es zu probieren und sagte der Kellnerin beim Abräumen, dass das „nicht so ihrs“ gewesen ist.

Die Spannung stieg, als wir auf den ersten richtigen Gang warteten, obwohl wir wieder keine Vorstellung hatten, was uns unter Löwenzahn / Pistazie / From Age Leave / Short Rib präsentiert werden würde.
„Sollen wir an einem Löwenzahnstengel knabbern?“, fragte mich meine Frau und machte bereits lange Zähne.

Die Kellnerin stellte uns die Teller hin und erklärte erneut unter Engelsposaunen, dass es sich um Löwenzahnsuppe mit Pistazienkernen handeln würde, in dem ein in From Age Leave eingewickeltes Stück Short Rib mit etwas Pistazieneis gereicht wurde.

Bei der näheren Untersuchung stellte sich heraus, dass es sich bei From Age Leave und Short Rib um ein Stück Fleisch, eingewickelt wie eine Roulade, handelte, zur geistigen Ablenkung mit Pistazieneis zugeklatscht. Anders konnte ich mir zumindest das Pistazieneis auf dem warmen Gericht nicht erklären.
Nun war es an mir das Gesicht zu verziehen, denn ich hatte den Eindruck, ich sollte ein Rind und seine letzte Mahlzeit gemeinsam zu mir nehmen.
„Die Suppe schmeckt echt gut“, sagte meine Frau.
Ich fand sie genießbar, hatte aber trotzdem den Eindruck, ich würde gerade ein Stück Wiese schlucken.
Ich sah, wie meine Frau versuchte das Stück Fleisch zu essen. Offenbar wehrte sich die Speise.
„Wat is denn dit?“, sagte sie, plötzlich in den Berliner Dialekt verfallend, was meistens darauf hindeutete, dass sie sich über irgendwas ärgerte. „Dit is‘n halbgarer Klumpen Gezadder, eingewickelt in ein altes Blatt.“
Mir war es immerhin gelungen das Fleisch zu schneiden, kaute nun aber ebenfalls erfolglos auf dem fast rohen Etwas herum und nickte, um ihr zuzustimmen.
„Das war so von der Evolution nicht vorgesehen“, sagte sie.
„Was meinst du?“, fragte ich.
„Unsere Vorfahren haben nicht das Feuer entdeckt und das Fleisch darauf gegart, damit wir nun wieder in unsere vor-evolutionäre Phase zurückkehren und rohes Fleisch essen.“

Als die Kellnerin kam, um abzuräumen, entdeckte sie, dass das Fleisch von meiner Frau noch auf dem Teller lag.
„Möchten Sie das Fleisch lieber durch haben? Dann sage ich in der Küche für den nächsten Gang bescheid.“
Wir beide nickten vehement.

Die Posaunen kündigten einen weiteren Gang an. Ruppiner Lamm / Kaninchen / Spargel / Bärlauch / Fermentierter Pfeffer stand auf der Speisekarte. Zum ersten Mal hatte ich irgendwie eine Vorstellung von dem, was mich erwartete, aber es kam doch anders. Das Lamm war noch am ehesten normal zubereitet. Zwei kleine Fleischstückchen, diesmal ordentlich durchgebraten. Das Kaninchen hatte aber offenbar zu leiden, denn es wurde quasi atomisiert und in etwas gepresst, dass die Kellnerin als Praline bezeichnete. Für mich sah es wie eine frittierte Kugel aus. Dazu gab es ein dünnes Scheibchen einer Roulade, in der anscheinend auch Kaninchen drin war und ein paar Gnocchi, die solange in Bärlauch gewälzt waren, dass der Portier vom Hotel nebenan, drei Stockwerke unter uns und zwei Häuser weiter, wusste, was wir aßen. Das ganze rundeten ein paar grüne und weiße Spargelspitzen ab, die aufrecht in den Himmel ragten und in einer roten Soße standen, als würden sie an das Blutvergießen am elften September gedenken wollen. Vor Ergriffenheit hätte ich fast salutiert.

„Geht doch“, sagte meine Frau, als sie das Fleisch probierte.
Auch mir schmeckte der Gang ausgezeichnet, obwohl ich eigentlich kein Freund von Spargel bin und mir jedes Frühjahr die vielen Stände, die Beelitzer Spargel anpreisen, tierisch auf den Geist gehen, weil es den Eindruck vermittelt, als würde jeder Einwohner von Beelitz eine Tonne Spargel unter seinem Bett horten.

Nach diesem durchaus schmackhaften Hauptgang folgte die letzte Runde: Das Dessert.
Weiße Lindtschokolade / Tapioka / Erdbeere / Erdnussbutter
„Was ist denn Tapioka?“, fragte meine Frau.
Ich zuckte mit den Schultern und holte das Handy hervor, um Wikipedia aufzurufen. „Tapioka oder Tapiokastärke ist eine nahezu geschmacksneutrale Stärke, die aus der bearbeiteten und getrockneten Maniokwurzel hergestellt wird.“
„Geschmacksneutral? Na, das hilft ja auch nicht“, sagte meine Frau.

Ein letztes Mal erklangen die Posaunen, um mich zu überzeugen, dass wir gerade dabei waren das größte Festmahl unseres Lebens zu uns zu nehmen.
„Was für Posaunen?“, fragte sie mich allerdings, nachdem ich eine entsprechende Bemerkung gemacht hatte.
Doch nur Einbildung, dachte ich.

Halbmondförmig waren ein paar Kleckse Erdnussbutter, irgendeiner anderer Crème samt ein paar Tapiokabällchen und atomisierten Erdbeeren um die Tellermitte drapiert, als befänden sie sich auf der Flucht vor der anderen Seite.
„Vielleicht ein Tribut an die Opfer des arabischen Frühlings?“, fragte ich.
„Von was zum Teufel redest du denn da eigentlich?“, fragte meine Frau.

Kurze Zeit darauf verließen wir das Restaurant und der Portier des Hotels im Nachbarhaus warf uns einen strengen Blick zu.
„Ich fand es dann doch eigentlich ganz lecker“, sagte ich.
„Ja, bis auf den halbgaren Batzen mit dem Gezadder“, sagte meine Frau.

Dann dachte ich, dass so also ein Essen für 60 Euro pro Person aussieht. Beim Kroaten meines Vertrauens hätten wir dafür viereinhalb mal Essen gehen können. Der Grillteller wäre bis an den Rand mit Pommes, Reis und Fleisch in vier verschiedenen Formen gefüllt. Alles auf einmal. Nichts wäre hübsch angerichtet und hinterher hätten wir wieder das Gefühl, man müsste ein halbes Jahr lang Sport machen, um die Kalorien loszuwerden. Aber zumindest hätten wir uns nicht um die Kleiderordnung sorgen müssen. Oder welches Besteck wann korrekt wäre. Irgendwie freute ich mich schon darauf.