Jüdische Geschichte

Das Schiff der Verdammten – Gedanken zum Holocaust und der Flüchtlingskrise 2018

Achtung: Akute Tiraden-Gefahr!

Denen, die hier öfter mitlesen, dürfte wohl klar sein, wie ich in der Frage der Flüchtlingskrise stehe. Um es noch mal ganz deutlich zu sagen: Ich habe grundsätzlich ein Problem damit, Leute irgendwo verrecken zu lassen. Ganz besonders im Meer, immerhin war ich – ganz wie Martin in meinem Buch »Der Tod und andere Höhepunkte meines Lebens« – früher mal Rettungsschwimmer und -taucher. Meine Idee dahinter war ja auch nicht zu Ertrinkenden zu schwimmen und dann zu sagen: »Tja, hättest du mal Schwimmen gelernt, was?«
Mir stößt es auch sauer auf, wenn damit argumentiert wird, dass die ja in den Ländern bleiben könnten, von denen sie aus flüchten oder ins Meer starten. Das ist in etwa so, als würde ich jemanden in einem brennenden Haus sagen: »Ja, weißte, geh doch ins Erdgeschoß, da brennt es noch nicht.«
Noch mehr ärgern tut mich aber, dass man – mal wieder – nichts aus der Geschichte lernt. Denn – Überraschung! – wir hatten das alles schon mal!

Setzt euch hin, nehmt euch einen Keks und hört Onkel Sebastian mal zu, wie er euch von St. Louis erzählt. Nein, nicht der Stadt … dem Schiff!

Im Mai 1939 war es in Deutschland irgendwie nicht mehr wirklich gemütlich. Hitler war schon sechs Jahre an der Macht und hatte praktisch von Anfang an die Juden verfolgen lassen. Nun durften sie nicht mehr so leben wie zuvor, Konzentrationslager gab es auch schon eine Weile und alles war daraufhin ausgerichtet, es ihnen so schwer wie möglich zu machen. Trotzdem blieben viele, denn Deutschland war ihre Heimat. Selbst als sie 1935 ihrer Bürgerrechte beraubt wurden, blieben viele. Manche vielleicht auch, weil sie es sich schlichtweg nicht leisten konnten, auszuwandern. Aber nach der Reichskristallnacht 1938 dachten dann doch etliche: »Also wenn wir hier um unser Leben fürchten müssen, gehen wir doch lieber ins Ausland.«
1933 wanderten um die 38.000 Juden aus. 1934-1937 waren es jährlich so ca. 20.000-25.000. 1938 sprang die Zahl auf 40.000.
1938 hatten dann auch ein paar Länder eine Konferenz in Évian, wo sie lang und breit diskutierten, wie man denn mit den jüdischen Flüchtlingen umgehen sollte. Das war nämlich mittlerweile zum Problem geworden. Die bösen, bösen jüdischen Flüchtlinge wollten nämlich bestimmt nur den Leuten die Arbeitsplätze wegnehmen. Oder – was weiß ich – die westliche Welt verjüdisieren. Terroranschläge wollten sie bestimmt auch machen. Und die teilnehmenden Länder, darunter die USA, Kanada, Mexiko, Frankreich, Großbritannien und Australien, sagten alle: »Nee, die wollen wir nicht. Wir haben ja eigene Probleme und so. Und überhaupt: Iiiiih, Juden.«
Einige Länder, vor allem in Osteuropa, gingen sogar so weit zu sagen: »Wisst ihr was: Wir hätten da auch noch Juden, die wir gerne loswerden würden.«
Die meisten Länder reagierten nach der Art: »Na ja, aufnehmen können wir die nicht. Durchreise … ja, vielleicht … aber ansonsten …«. Ein paar Länder jedoch sagten tatsächlich: »Aber wir würden einen ganzen Haufen nehmen.« So z.B. die Dominikanische Republik, dessen »Präsident« – eigentlich Diktator – im vorherigen Jahr 27.000 schwarze Haitianer ermorden ließ, damit das Land etwas weißer werden würde. Da hätten die Juden bestimmt viel Spaß mit dem gehabt, aber die konnten sich ja nicht wirklich äußern, denn man hatte vorsorglich keine zur Konferenz eingeladen. Warum auch … hätte man ja hören müssen, was die zu sagen haben.
Im Endeffekt einigte man sich darauf, dass man ein Komitee gründen sollte, dass sich darüber dann mal Gedanken macht.

Soweit zum damaligen Stand der Dinge.

1939 lässt Deutschland noch Juden ausreisen. Ein paar Juden hatten sich Touristenvisa für Kuba und manche sogar Einwanderungspapiere für die USA beschaffen können. Am 13. Mai 1939 stiegen sie alle auf das Kreuzfahrtschiff »St. Louis« der Hapag. An den Hamburger Landungsbrücken verabschieden sich Familien, wohl wissend, dass sie sich wohl nicht mehr sehen werden. Eine Kapelle spielt »Muss I denn zum Städtele hinaus«, weil das überhaupt keinen höhnischen Eindruck macht.
Der Staat hatte vorher den Ausreisenden praktisch alles genommen. Jeder Passagier durfte nur 10 Reichsmark und Waren im Wert von 1000 Reichsmark mitnehmen. Im Grunde wollte der Staat sicherstellen, dass die Flüchtlinge dem Land, in das sie zu migrieren versuchten, auch wirklich zur Last fallen würden.
War die Stimmung anfangs auf dem Boot noch hoffnungsvoll, wurde den Leuten doch nach einer Weile klar, dass sie mit einem Touristenvisum unter Umständen nicht lange hinkommen. Außerdem gab es Gerüchte an Bord, dass es in Kuba einen Regierungswechsel gegeben und die neue Regierung die Einreisebedingungen verschärft hätte. Einer der Passagiere starb an einem Herzinfarkt und vorsorglich nahm man eine Seebestattung vor, um die Einreise nicht zu gefährden. Ein anderer Passagier, offenbar schon völlig runter mit den Nerven, sprang gleich hinterher und konnte nicht mehr gerettet werden.
Am 27. Mai konnte die St. Louis dann in Havanna anlegen. Alle freuten sich schon, aber dann kamen Soldaten und drängen sie wieder zurück aufs Schiff. Die Regierung behauptete, dass die Einreisebewilligungen illegal waren. Bis heute weiß man nicht so richtig, was los war. War vielleicht wie heute in Deutschland, wo man erst sagte: »Yay, toll, dass ihr überlebt hat, Flüchtlinge!« Und danach »Boah, geht doch wo ihr wohnt.«
Die Stimmung an Bord war danach nicht gerade bombig zu nennen. Der Kapitän, der sich um Lösungen bemühte, wurde nun angefeindet. Ein Passagier schnitt sich die Pulsadern auf und sprang über Bord, weil er dachte: »Doppelt hält besser.« Man konnte ihn jedoch retten. Daraufhin ordnete der Kapitän allerdings »Selbstmordverhütungsrundgänge« an. Der Typ, der sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte, wurde dann aus Mitleid an Land gelassen. Da dachten sich die anderen Passagiere bestimmt auch:« Hmmm, Pulsadern!« Auf jeden Fall war der Typ, der an Land gelassen wurde, damit noch einer der Glücklichen.
Kuba verscheuchte das Schiff. »Husche, husche!«
Selbst der Kapitän wusste nicht wirklich, was er machen sollte. Also fuhr er erst mal Richtung Florida. Die USA sagten aber: »Leute, wir haben eine Quote, die haben wir erfüllt. Tschüssikowski.«
Das wollte der Kapitän aber nicht so auf sich sitzen lassen. Er versuchte, illegal zu landen, allerdings wurde das bemerkt. Danach wurden sie noch von Flugzeugen bedroht.
Dem US-Präsident Roosevelt kamen Zweifel: »Ach, lassen wir die doch rein«, aber sein Außenminister Cordell Hull entgegnete »Nee, nachher kommen noch mehr oder so. Dann wird hier alles verjüdischt.«
Daraufhin sagte Roosevelt: »Ey, steht nicht auf der Freiheitsstatue sowas wie ›Gebt mir eure Müden, eure Armen/Eure geknechteten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen‹? Heißt das nicht, dass wir uns um die kümmern sollten?«
»Äh, ach was, sind doch nur Schmarotzer«, sagte Hull und freute sich schon mal auf den Friedensnobelpreis, den er später bekommen sollte.
Die St. Louis schipperte dann noch ein wenig hin und her, aber war kurz davor keinen Sprit mehr zu haben, bis dann Großbritannien, Belgien, die Niederlande und Frankreich sagten: »Ja, Mann, dann kommt halt her.«
Also kamen die Juden zurück nach Europa, weil da die Lage so absolut super war.

Kein halbes Jahr später überfiel Deutschland die anderen Länder. Die Juden wurden zusammengetrieben, in Konzentrationslager geschafft und dort umgebracht. Von den 937 Juden an Bord der St. Louis starben 254 während des Holocaust. Nur die in Großbritannien gebliebenen Flüchtlinge waren sicher. Ach ja, und dann waren da noch die sechs Millionen anderen Juden, die nicht flüchten konnten …

Es gab noch andere Schiffe, wie die St. Louis. Diese hatten ein ähnliches Schicksal. Und heute wird es wieder ganz genau so gemacht, wie damals schon. Nur das die heutigen Flüchtlinge noch nicht mal ein ordentliches Schiff haben, auf dem sie unterkommen können. Und wieder wird die Unmenschlichkeit und das Unvermögen der westlichen Länder auf Kosten der Migranten zur Schau gestellt. Diesmal wird nur von deutscher Seite vorgeschlagen, ob man nicht Konzentrationslager aufbauen könnte. In den einzelnen Ländern. Das Know-How könnten wir den Ländern ja vielleicht noch verkaufen. Muss sich doch auch lohnen …

Es streitet niemand ab, dass in den Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen, eine Lösung erfolgen muss. Um noch einmal die Analogie des brennenden Hauses zu benutzen: Natürlich muss die Feuerwehr das brennende Haus löschen. Solange muss ich mich aber um die flüchtenden Einwohner kümmern, die ganz offensichtlich nicht zurück in ihre Wohnungen können. Sie einzusperren, nicht heraus zu lassen und ihnen jede Hilfe zu verweigern ist schlichtweg Mord.

Geschichten zum Tag: 16.04. – Masada

Heute vor 1944 oder 1945 Jahren, sprich im Jahre 73 oder 74, beendeten die Römer den jüdischen Krieg, als sie in Masada einfielen.
Wie das damals so üblich war, haben die Statthalter der römischen Provinzen ordentlich Steuern eingetrieben und auch gerne mal für sich abgezweigt. Als irgendwann die Juden nicht mehr zahlen konnten, ist der damalige Statthalter mit Soldaten in den Tempel eingedrungen und meinte: »Dit is allet meins.«
Die Juden sahen das freilich anders. »Kannste doch nich machen!«
»Wohle!«
»Manno!«
Und dann gab es Bürgerkrieg, in dem überraschend die Römer ordentlich eins auf die Mütze bekamen. Zumindest vorerst.

Als man in Rom mitbekam, dass in Judäa die Kacke am Dampfen war, schickte man gleich ein paar Legionen los, die ordentlich aufräumten. Sicher, das dauerte einige Jahre, aber hinterher hatte man gleich mehrere Städte und u.a. auch den jüdischen Tempel gleich ganz zerstört.
Nur ein kleines Dorf leistete Widerstand. Die Gallier hatten den Zaubertrank … nee, Moment … das war was anderes.

Masada, eine Bergfestung, die von den Römern stammte und auf einem Tafelberg (sprich: einem oben flachen Berg) lag, war von Sikariern (eine Art jüdische Assassinen-Gruppe) im Jahr 66 erobert worden. Durch die Lage war sie gut geschützt und als die Römer so langsam aber sicher alles platt machten, zogen sich die letzten Aufständischen dahin zurück. Alles in allem 967 Leute. Das letzte Aufgebot der Juden.
Der römische Feldherr Flavius Silva kam nach Masada und sagte zu den Juden: »Ey, wenn ihr aufgebt und uns reinlasst, dann bringen wir zumindest nicht alle um.«
Darauf sagten die Juden: »Ach, geh doch wo du wohnst.«
Die Juden konnten optimistisch sein, denn immerhin war die Festung so gut wie uneinnehmbar. Sechs Meter hohe, doppelt verstärkte Mauern, nur vier leicht zu verteidigende Eingänge und auf allen Seiten mindestens 80 Meter Höhenunterschied zum Boden, der die Nutzung von Belagerungsmaschinen unmöglich machte. Man hatte Vorräte und Brunnen innerhalb der Mauern. Es ging ihnen also mehr oder weniger gut. Allerdings hatten die Römer die Tendenz dazu einfallsreich zu werden, wenn ihnen jemand ans Bein gepinkelt hatte.
Silva meinte zu seinen Leuten: »Jungs, ihr baut jetzt eine vier Kilometer lange Mauer, damit die nicht abhauen können.«
Und die Soldaten sagten: »Och, Mann, ey.«
»Und acht kleinere Festungen auch noch, wo wir die ganzen Leute unterbringen.«
Und die Soldaten sagten: »War ja klar.«
Oben auf dem Berg saßen die Juden und schauten, was die Römer trieben. Der allgemeine Tenor war: »Dit sieht ja nich gut aus, ma sagen.«
Trotzdem konnten die Römer gar nicht zur Festung vordringen. Ihre einzige Chance die Mauern zu durchbrechen, wären Belagerungsmaschinen gewesen. Aber die hebt man ja nicht mal so eben 80 Meter hoch und stellt sie irgendwo hin, wo kein Platz ist.
Die Juden pöbelten von der Mauer: »Euch gehen ja die Vorräte viel eher aus als uns. Nananananananananana!«
Also dachte Silva: »Ihr kleinen … « Dann wandte er sich an die Armee: »Leute, ick hab ne Idee! Wir bauen einfach eine Rampe.«
»Wat jetzt?«, fragten die Soldaten.
»Na, wir schütten hier an der etwas flacheren Stelle einfach lauter Zeug hin, bis wir oben ankommen. Dann schieben wir nen Belagerungsturm rauf, machen die Mauer kaputt und – zack, die Bohne – alle tot.«
Die Soldaten waren sich nicht sicher, ob sie richtig gehört hatten. »Du willst, dass wir ohne Bagger oder Baufahrzeuge – die wir ja noch gar nicht kennen – so viel Erde bewegen, die das Kolosseum oder mehr füllen könnte?«
»Yup.«
»Och Mann …«
»Is was?«
»Nee, allet super. Großartige Idee.«

Die aufständischen Juden konnten nun jeden Tag sehen, wie die Rampe langsam wuchs. Im Grunde entstand ein kleiner Berg vor ihrer Nase. Und innerhalb von zwei Monaten war das Ding fertig.
Als der Belagerungsturm und die Truppen den Berg hinaufkamen, ging den Juden ganz schön die Muffe. »Ohshitohshitohshitohshitohshitohshitohshit!«
Schließlich, nach ein paar Problemchen, kamen die Römer an die Mauer, durchbrachen sie und stürmten das Lager. Aber statt einem ordentlichen Kampf erwartete sie … Stille.
960 Leichen lagen in Masada verstreut. Die Aufständischen hatten sich entweder selbst umgebracht oder gegenseitig. Lediglich zwei alte Frauen und fünf Kinder, die überlebten, weil sie sich versteckt hatten, wurden von den Römern gefunden. Vermutlich lagen ein paar Leichen mit erhobenen Stinkefingern herum.
Die Römer daraufhin: »Wow … das ist … wow. Also damit haben wir jetzt gar nicht gerechnet. Das ist ziemlich abgedrehter Scheiß, aber … Respekt.«

 

Bis heute gilt Masada als Symbol für den jüdischen Freiheitswillen.