Geschichte

Jahrestag der Gründung des Kongo-Freistaats am 01. Juli

Heute, in Zeiten von »Black Lives Matter« und dem neuen internationalen Sport »Schmeiß die Statue vom Sockel«, gibt es hin und wieder etwas Aufmerksamkeit für den ehemaligen König von Belgien, Leopold II. Der gründete nämlich heute vor 135 Jahren, am 01. Juli 1885, den Kongo-Freistaat. Und was da passierte ist etwas, was man im Gegensatz zu vielen anderen Dingen tatsächlich mit dem Holocaust im Zweiten Weltkrieg vergleichen kann.

Setzt euch hin, nehmt euch einen Keks, trinkt einen Kaffee oder Tee … das dauert jetzt einen Moment. Und ist nicht lustig. Eine kleine Geschichtsstunde …

Im 19. Jahrhundert waren viele europäischen Staaten der Meinung, dass sie irgendwo auf der Welt, wo Leute wohnten, die eine dunklere Hautfarbe als sie selbst hatten, den Menschen mal ordentlich Kultur und Christentum nahebringen mussten, egal ob vor Ort schon eine andere Kultur oder andere Religionen existierten. Großbritannien gelang es so, sich praktisch auf der ganzen Welt als Arsch aufzuführen, und manche anderen Staaten dachten: »Toll, das wollen wir auch!«

Leopold II. von Belgien kam 1865 auf den Thron. Als König hoffte er, dass er sein Land mal richtig voranbringen könnte, aber da es sich um eine konstitutionelle Monarchie handelte, sagte das Parlament ganz gerne: »Leo, jetzt chill doch mal. Wir machen das schon.« Seine Politik setzte sich also nicht so richtig durch. Und sein größter Wunsch war es, dass Belgien ebenfalls eine Kolonialmacht werden würde, weswegen das Parlament meinte: »Bursche, wer soll den Scheiß denn bezahlen?«
»Na, ich!«, sagte Leopold, der zu dem Zeitpunkt einer der reichsten Menschen der Erde war, weil er u.a. mit Anteilen des Suezkanals spekuliert hatte.
Das Parlament war trotzdem nicht beeindruckt. »Wenn du die Knete hast, dann kannst du ja dein Privatvermögen dafür einsetzen, aber lass uns als Staat da raus.«
Und Leopold grübelte kurz und sagte dann: »Okili dokili!«

1866 sagte er dem belgischen Botschafter in Madrid: »Ey, fragt mal die Königin von Spanien, ob die mir nicht die Philippinen verkaufen will«, woraufhin der Botschafter sagte … eigentlich sagte er nichts. Er fand die Idee bescheuert und hielt lieber die Klappe, weswegen die Sache mit den Philippinen irgendwie im Sande verlief.

1876 finanzierte Leopold eine internationale Konferenz, in der er mehr oder weniger sagte: »Leute, um Afrika sollte man sich mal kümmern und da den Fortschritt hinbringen. Und ganz viel Philanthropie.«
»Wat?«
»Menschenliebe.«
»Ach so. Ja, das klingt eigentlich ziemlich dufte. Vielleicht solltest du da mal Expeditionen und so weiter organisieren.«
Und Leopold grübelte kurz und sagte dann: »Okili dokili!«

1878 gründete Leopold das« Komitee zur Erforschung des oberen Kongo«, deren offizielle Mission wissenschaftlicher und philanthropischer Natur war. Dem Leiter der Expedition, Henry Morgan Stanley, gab er aber insgeheim zu verstehen, dass er Land erwerben und Elfenbein mitbringen sollte. »Der ganze Quatsch finanziert sich ja nicht von alleine, da will ich wenigstens einen Gegenwert haben.«
Stanley fuhr daraufhin in den Kongo, gründete einige Siedlungen, darunter die heutige Hauptstadt Kinshasa, die damals aber noch unter dem Namen Leopoldville lief, und verarschte einige Häuptlinge mit einem Brennglas-Trick, weswegen die dachten: »Der Typ beherrscht sogar die Sonne, da sollten wir ihm lieber unser Land überschreiben.«
Genau dafür gründete Leopold dann 1879 die »Internationale Kongo-Gesellschaft«, der alle diese Landstriche überschrieben wurden und deren alleiniger Anteilseigner er selbst war.

1884 und 1885 fand dann die Berliner Konferenz statt, die auch als »Kongokonferenz« bezeichnet wird. Im Grunde wollten da alle Staaten klären, wer auf was in Afrika Anspruch hatte. Das war zwar in weiten Teilen schon vorher klar, aber zumindest gab das dem Ganzen einen offiziellen Anstrich. Natürlich wurden die Afrikaner dabei nicht gefragt, denn … die konnten ja froh sein, dass sie zumindest nicht mehr als Sklaven verschifft wurden. So blieb eigentlich nur Äthiopien als einziges afrikanisches Land übrig, welches vollkommen selbstständig war. Und auch das nur für kurze Zeit. Aber viel wichtiger: Die »Internationalen Kongo-Gesellschaft« wurde als Besitzer des Kongo-Gebietes bestätigt. Genaugenommen hatte man Leopold II. den Privatbesitz eines Staates zugesprochen, der ungefähr siebzig Mal so groß war, wie das Land, von dem er König war.
Und Leopold grübelte gar nicht erst, sondern sagte gleich: »Okili dokili!«

Am 01. Juli 1885 gründete er den Kongo-Freistaat und begann damit, im Land Infrastrukturen aufzubauen. Das kostete natürlich alles ein Höllengeld, weswegen er von der belgischen Regierung einige Kredite bekam, weil die vermutlich dachten: »Mist, wir können ja wohl kaum unserem König einen Kredit verwehren, oder?«. Außerdem brachte das irgendwie die Unabhängigkeit des Kongo-Freistaats doch ein wenig ins Wanken, aber wollen wir mal nicht kleinlich sein.
Problematisch war auch, dass die Wirtschaft im Land eigentlich auf Tauschhandel basierte, was ihm bei der Steuererhebung aber irgendwie nicht half. Also sollten die Kongolesen ihre Steuern in Naturalien bezahlen, was größtenteils in Elfenbein erfolgte und so ziemlich alle Handelsnetze, die man im Kongo mal aufgebaut hatte, kaputtmachte. Leopold gab allen möglichen Firmen die Erlaubnis, im Kongo-Freistaat tätig zu werden, allerdings mussten sie hohe Steuern zahlen, denn … das Geld muss ja irgendwo herkommen.
Irgendwo an dieser Stelle, sollte man wohl mal ein »Yay, Kapitalismus!« fallen lassen.

Glücklicherweise für Leopold, unglücklicherweise für die Bevölkerung, hatte Jahre zuvor Charles Goodyear ein Patent für die Vulkanisierung von Gummi erhalten. Gummireifen waren sehr gefragt und deswegen auch der Rohstoff Kautschuk, den es im Kongo in Massen gab. 1888 erfand John Dunlop noch dazu den Luftreifen, der die Nachfrage nach Kautschuk noch einmal steigerte. Was machte also Leopold? Er schickte seine Truppen, also praktisch eine Privatarmee, in die Dörfer und ließ den Leuten befehlen, Kautschuk zu sammeln, sonst würden ihre Hütten abgebrannt werden. Wer deswegen zu fliehen versuchte, sollte erschossen werden. Die Firmen, die gekommen waren, um im Grunde ebenfalls den Kautschuk auszubeuten, machten praktisch dasselbe.
Es gab dabei aber ein Problem: Munition ist teuer und viele der Soldaten jagten einfach so gerne irgendwelche Tiere. Um also sicherstellen zu können, dass mit seiner Munition auch tatsächlich Menschen getötet worden waren, mussten die Soldaten zum Beweis die Hände der erschossenen Menschen vorlegen. Und diese Hände gammelten schon mal, bis der zuständige Beamte mit dem Zählen hinterherkam. Also wurden sie geräuchert, um sie haltbar zu machen.

Einige der Soldaten wollten aber trotzdem jagen. Um zu beweisen, dass sie die Munition aber nicht bei einer Jagd verschwendet hatten, hackten sie eben lebenden Menschen die Hände ab. Und weil das so viel Spaß machte, hackten sie auch gleich noch Leuten die Hände ab, die ihrer Meinung nach nicht genug Kautschuk gesammelt hatten. Es gab also jede Menge Leute, deren Arbeitskraft irgendwie geringer ausfiel, weil sie plötzlich 50% weniger Arbeitsmittel hatten. So vielleicht die nüchterne Betrachtung eines der damaligen Leute. Einige verstanden, dass man die Sache mit dem Abhacken von Händen vielleicht etwas einschränken sollte. Die einigten sich dann darauf, dass es stattdessen auch Nasen tun würden, damit die Arbeiter weiter arbeiten konnten.
Natürlich waren damit die Ungeheuerlichkeiten nicht erschöpft. Manche Arbeiter wurden kopfüber von Bäumen gehängt und dem Tod überlassen. Anderen wurden die Beine durchbohrt oder bis zur Bewusstlosigkeit ausgepeitscht. Was man z.T. mit den Geschlechtsteilen machte, wird hier mal außen vor gelassen.

Warum ging gegen diese Greuel niemand vor? Nun … es gab praktisch keine rechtlichen Strukturen in diesem Land, welches ungefähr die Größe Westeuropas hatte. Irgendein Hanswurst aus Belgien wurde in den Kongo versetzt, hatte mit der Hitze, der Feuchtigkeit, allerlei Krankheiten wie Malaria und einer ziemlich angepissten Bevölkerung zu tun, was bei ihm Ängste auslöste … da fängt der ordentliche Kleinbürger schon mal an durchzudrehen und sich gewissen Allmachtsfantasien hinzugeben. Hilft natürlich auch, wenn man sich generell für etwas Besseres hält, nur weil man eine andere Hautfarbe hat.
Und all die anderen Länder? Nun, die bekamen schlichtweg gar nicht mit, was in dem Land vorging. In dieser Zeit vor Flugzeug, Fernschreiber und Internet waren Nachrichten aus dem Dschungel halt relativ selten. So konnte die Gewalt über Jahre im Kongo ausgeübt werden. Und abgesehen von den vielen abgehackten Händen sorgte der Drang, möglichst viel Kautschuk zu gewinnen, auch dafür, dass die Bevölkerung kaum noch Zeit hatte sich um die Felder zu kümmern. Anders ausgedrückt: Wer nicht ohnehin seine Hand verlor und nicht mehr ordentlich arbeiten konnte, bekam sowieso nichts mehr zu essen.

In den 1890er Jahren kam dann der englische Schriftsteller Joseph Conrad in den Kongo und schaute sich das Ganze an. Er schrieb daraufhin das Buch »Herz der Finsternis« (»Heart Of Darkness«), welches Jahre später übrigens als Vorlage für den Film »Apocalypse Now« von Francis Ford Coppola diente. Die in dem Buch beschriebenen Greueltaten sorgten dann europaweit für Entrüstung. Gleichzeitig kamen auch ein paar Leute auf die Idee, sich mal anzuschauen, was für Waren eigentlich aus und in den Kongo geliefert wurden. Aus dem Kongo kamen Elfenbein und Kautschuk, in den Kongo wurden nur Waffen, Ketten und Sprengmaterial verschifft. Es war also klar, dass da irgendwas nicht optimal lief. Missionare äußerten sich ebenfalls kritisch. Der Journalist und Autor Edmund Dene Morel, der in dem Zuge die erste große Menschenrechtsbewegung begründete, führte einen langen Kampf in den Medien gegen Leopold II.
1903 schickte Großbritannien dann mal jemanden in den Kongo, der schauen sollte, ob Morel Blödsinn redete oder ob das wirklich alles so stimmte. Und derjenige kam zurück und sagte: »Alter …«
1905 veröffentlichte Mark Twain, der Autor von u.a. »Tom Sawyer«, eine Streitschrift namens »König Leopolds Selbstgespräch«, in dem er die Öffentlichkeit quasi über die Greueltaten informierte. Er forderte darin sogar einen internationalen Gerichtshof, der König Leopold II. wegen seiner Verbrechen zum Tode verurteilen sollte.
Im Grunde sagte die ganze Welt zu Leopold »Du blödes Arschloch …«. Die belgische Regierung verabschiedete ein Gesetz, das vorsah, dass der Staat Belgien ihm den Kongo-Freistaat abkauft und es in eine Kolonie umwandelt.
Darauf sagte Leopold dann 1908 notgedrungen: »Okili dokili.«
Im Belgisch-Kongo wurde die Zwangsarbeit abgeschafft, ein Rechtssystem eingeführt, aber sagen wir mal so … wirklich toll wurde es deswegen dort trotzdem nicht und die Zwangsarbeit ging trotzdem noch eine Weile weiter.

Man geht davon aus, das zwischen 1885 und 1905 von ursprünglich etwa 25 Millionen Einwohnern nur etwa 15 Millionen übrig blieben. Durch Spätfolgen hatte der Kongo 1924 sogar nur noch 10 Millionen Einwohner. Zu seiner Zeit gaben ohnehin schon viele Leute ihm die Schuld für den Tod oder das Nicht-Vorhandensein von rund 15 Millionen Menschen, da die Bevölkerung des Kongos in der Zeit ja normalerweise gewachsen wäre.
Zum Vergleich: Im Ersten Weltkrieg starben rund 9,5 Millionen Soldaten. Die Opfer des Holocaust werden mit rund 6,3 Millionen Juden angegeben.

Wie wurde Leopold II. für seine Taten bestraft?
Er hat rechtzeitig Geld beiseitegeschafft, damit er nicht bankrott ging. Einen Prozess gegen ihn hat es nicht gegeben.
Er starb 1909 als längster amtierender König von Belgien, nach 44 Jahren Amtszeit. Kurz nach seinem Tod begann dann das große Vergessen. Wirklich auseinandergesetzt hat man sich mit seinen Taten danach nicht mehr. Stattdessen stehen noch heute etliche Statuen zu seinen Ehren in Belgien. Allerdings gibt es dagegen immer mehr Widerstand. Man stelle sich nur mal vor, dass in Deutschland noch immer Statuen von Adolf Hitler auf öffentlichen Plätzen ausgestellt wären. Undenkbar. In Belgien? An der Tagesordnung.

Einen kleinen Trost gibt es allerdings. Bei seinem Trauerzug wurden seine sterblichen Überreste von der belgischen Bevölkerung ausgebuht.

Neues Video: „Rattengift und Brandy: Der Marathon bei den Olympischen Spielen 1904“

Und wieder eine neue Geschichte aus meinem bisher unveröffentlichten Buch über Kuriositäten in der Geschichte. Darin geht es um die merkwürdigen Geschehnisse bei den Olympischen Spielen 1904, vor allem den Marathonlauf. Ich wünsche viel Spaß!

Napoléons Körpergröße

Eines der gebräuchlichsten geschichtlichen Missverständnisse ist die Körpergröße von Napoléon Bonaparte.

Die Briten machten sich damals über ihn lustig, weil sie bei französischen Angaben seiner Höhe fälschlicherweise von ihren eigenen Längeneinheiten ausgingen, welche sich von denen der Franzosen deutlich unterschieden. So war Napoléon nicht nur etwas über 1,50m groß, wie die Briten damals glaubten, sondern maß knapp 30 Meter. Ohne Schuhe. Die wurden ihm ja auch explizit aus Elefantenleder hergestellt, weil sonst kein Tier so viel Material hergab.

Seine außergewöhnliche Körpergröße trug dazu bei, dass die französische Armee praktisch ganz Europa einnahm. Im Grunde lief er immer vorneweg und alle anderen Armeen flohen in panischer Angst, weil sie dachten: »Verdammt, das ist ja wie bei King Kong oder Godzilla!«
Wahrscheinlich spuckte Napoléon auch Feuer. Könnte sein.

Allein der Körpergröße wegen hatte auch nie jemand seinen Thronanspruch angefochten. Was hätten die auch sagen sollen? »Du, du, du!«, mitsamt erhobener Faust? Napoléon hätte seine Gegner einfach zertreten. Buchstäblich.

Eigentlich wollte Napoléon auch durch den Kanal waten und England einnehmen, aber das Wasser ging ihm bis zum Hals und weil er nicht schwimmen konnte, ließ er es dann sein.

Was? Warum Napoléon dann auf Bildern aussieht, als hätte er eine normale Körpergröße? Propaganda. Er wollte ja nicht, dass alle Angst vor ihm haben. Also daheim. In anderen Ländern natürlich schon. Aber darauf gehen die Geschichtslehrer nicht gern ein. »Schwachsinn!«, hat meiner damals gesagt und mir eine schlechte Note gegeben, dabei habe ich die Körpergröße selber ausgerechnet! Mein Mathelehrer hat damals auch gesagt: »So funktioniert das nicht. Hast du denn gar nichts gelernt?«, und mir ebenfalls eine schlechte Note gegeben. Die wollten einfach nur die Wahrheit verschleiern. Ganz bestimmt.

Das Märchen von der EU und dem Brexit

Es war einmal vor langer Zeit, da gab es in einem Haus mehrere Mietparteien. Hin und wieder stritten die sich etwas untereinander und dann sprachen sie eine ganze Weile nicht mehr, weil einer die Wohnung des anderen verwüstet hatte und umgekehrt. Gerade Familie Deutsch, die irgendwie in der Mitte all der Wohnungen lag, hatte da immer schlimm mitgemischt und die anderen fanden, dass die sich mal am Riemen reißen sollten. Aus diesem Grund hatte man auch die Wohnung der Familie Deutsch in zwei Wohnungen aufgeteilt, weil man dachte: »Also wenn die zusammen sind, dann haben die nur Flausen im Kopf.«
Familie Deutsch hatte das auch eingesehen und gelobte Besserung, weil sie beim letzten Mal echt deutlich über die Stränge geschlagen hatte.

Draußen, etwas abseits auf dem Hof, gab es noch zwei kleine Wohnungen. Die beiden Familien Irish und Brits hatten öfter Probleme, weil nicht ganz klar war, wem ein bestimmtes Zimmer gehörte. Die Familie Irish meinte, dass es bei ihnen in der Wohnung lag, die Brits sagten aber, dass es schon immer Teil ihrer Wohnung war. Aber dazu später mehr.

Der eine Teil der Familie Deutsch und die Familie France, die früher wirklich oft miteinander gestritten hatten, sagten irgendwann: »Mensch, eigentlich wollen wir uns ja nicht mehr streiten und sind irgendwie Besties. Lass uns doch alles zusammen machen und entscheiden, dann liegen wir uns auch nie wieder in den Haaren.«
Ein paar andere Familien aus dem Haus dachten: »Mensch, was für eine schöne Idee. Wenn wir alles zusammenmachen, gibt es weniger Streit. Außerdem können wir gegenüber den anderen Häusern in der Straße geschlossener auftreten und werden nicht mehr so hin und her geschubst, denn die Familien States und Sowjetskich versuchen uns ja andauernd in ihren Streit hineinzuziehen. Mit den riesigen Kanonen in ihren Vorgärten, passiert uns nämlich bestimmt auch was, wenn die sich mal richtig in die Wolle kriegen.«
Die Familie Sowjetskich hatte außerdem den östlichen Teil der Familie Deutsch unter Kontrolle, die über den Rest der Familie, der in der westlichen Hälfte der Wohnung lebte, dachte: »Mann, bei denen läuft es irgendwie besser.«
Egal.

Im Endeffekt trafen sich die Familien France, Deutsch, Belgie, Italia und Nederland in der Wohnung der Italias und unterschrieben einen Vertrag, in dem sie sagten, dass sie gemeinsam einkaufen gehen und sich einen gemeinsamen Stromanbieter suchen wollen. »Wir nennen uns jetzt EWG!«, sagten alle, hoben ihre Daumen und fanden es tuffig und super.
Die Familie Brits hätte eigentlich auch mitmachen können, aber die rümpften zunächst die Nase über die Pläne, immerhin hatte ihnen mal fast die ganze Straße gehört und jetzt wollte man sich nicht einfach irgendwie einordnen. Aber nachdem die Familie sah, wie gut es den anderen in der EWG ging, überlegten sie es sich noch einmal anders.
»Ey, wir wollen auch mitmachen!«, sagten die Brits, aber Familie France rümpfte die Nase: »Ick weiß nich, die machen vermutlich mehr Ärger, als dass sie helfen.« Familie France sollte irgendwie recht behalten, aber hinterher weiß man ja immer mehr.

Die Familien in der EWG unterstützen sich gegenseitig. Man schmiss Geld in einen Topf, ging ordentlich einkaufen und so hatte jeder immer was davon. Die Kühlschränke bei allen Mitgliedern waren voll und wenn es irgendwem mal an irgendwas mangelte, weil irgendwas kaputt ging oder er sich gerade kein Brot leisten konnte, dann teilte man miteinander. Strom gab es auch und alle waren nett zueinander. Einige Nachbarn wurden deswegen neidisch auf den Zusammenschluss.
»Ey, können wir vielleicht auch mitmachen?«, fragten die Familien Irish, Norge, Danmark und erneut die Familie Brits.
»Hm, na gut«, sagten die Familien in der EWG, aber das Familienoberhaupt der Norges fragte vorher noch mal in der eigenen Mischpoke, ob das so okay war. Überraschenderweise sagte die aber: »Nee. Wir haben doch viel mehr Wohlstand als die. Nachher kriegen wir nicht mehr unseren guten Lachs oder so oder zahlen mehr als die anderen. Doofe Idee.«
Auch der Familienvorstand der Brits fragte noch einmal nach. Dort sagte die Sippe ausdrücklich: »Au ja!«
Selbst Familie France hatte diesmal nichts dagegen einzuwenden, obwohl die Brits verlangten, dass sie nicht ganz so viel in den gemeinsamen Topf einzahlen, wie sie eigentlich hätten sollen. Man rollte kurz mit den Augen und sagte dann: »Ja, jut, wenn ihr meint.«
Die Familie Irish hatte nicht viel zu bieten, insofern waren alle etwas skeptisch, aber im Endeffekt sagten alle in der EWG: »Ach, komm, hier haste ne Kartoffel.«
Danmark war zwar eigentlich eine kleine Familie, hatte aber ein paar Straßen weiter noch ein paar angeheiratete Angehörige, die zwar nicht zahlreich waren, aber ein riesiges Haus hatten, welches sie nicht richtig heizen konnten. Die besagte Familie, die den Namen Nunaat hatte, hielt von der großen Gemeinschaft nicht viel. Sie kamen gut alleine klar und brauchten auch nicht viel, vor allem keine Leute, die sich noch an ihrem Fisch bedienen wollten. Also verabschiedeten sie sich bald wieder und machten ihr eigenes Ding. Danmark selbst hatte aber auch genug Geld, dass der Rest der EWG sagte: »Nee, du bist cool.«

Ein paar der Familien der Hausgemeinschaft, die noch nicht beigetreten waren und vor allem im unteren Teil des Hauses wohnten, fragten nach einer Weile: »Wat is denn mit uns? Können wir auch mitmachen?«
Familie Hellas, die irgendwie mehr damit beschäftigt war Metaxa zu saufen, als irgendwas mal anständig durchzuziehen, nahm man auf, auch wenn einige der bisherigen Mitglieder dachten: »Weiß nicht, ob dein Streit mit den Türkiyes aus dem Nachbarhaus da wirklich hilft.«
Familie Espana wollte auch gerne beitreten, aber da das Familienoberhaupt seine Familie andauernd schlug, sagten die anderen Mietparteien. »Nee, du, lass ma.«
Kurz darauf, nachdem der Vater bei den Espanas den Löffel abgegeben hatte, fing die Familie an, sich zusammenzureißen, und dann ließ man sie ebenfalls mitmachen.
Familie Portuguesa holte man ebenfalls ins Boot, denn warum auch nicht. Die waren ja nett und hatten zumindest ihre eigene Familie nicht gehauen.
Kurz darauf fragten auch die Sippe der Marokkos aus dem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite an, ob sie nicht mitmachen könnte, aber alle in der EWG schauten sich an und sagten: »Wat? Wat willst du denn? Du wohnst ja nicht mal bei uns im Haus!«
Familie Türkiye, deren Keller irgendwie mit ins Haus reichte, wurde zwar auch abgewiesen, aber man sagte ihr, dass man ja später noch mal schauen konnte.

In dieser Zeit begann es bei der Familie Sowjetskich zu krieseln. Was vorher eine große Familie war, zerbrach nun in mehrere kleinere Familien. Die alle hatten unter sich so viel miteinander zu tun, dass der Einfluss, den sie auf einige der Familien im Haus, in dem die EWG war, hatten, zerfiel. Die Familie Deutsch riss endlich die Trennwand nieder, welche die Wohnung gespalten hatte, und war nun wieder eine große Familie. Und auch ein paar andere Familien, wie z.B. Familie Polska, Eesti und Latvija mussten nun nicht mehr darauf hören, was Familie Sowjetskich zu sagen hatte.
Sicher, die Sippen der Brits und Frances wussten nicht so recht, ob Familie Deutsch jetzt wieder anfangen würde, sich bescheuert aufzuführen, aber glücklichweise blieb das aus. Familie Deutsch wollte weiter mit der EWG machen. Und noch viel mehr.
Mittlerweile dachten auch Familie Austria, Sverige und Suomi: »Mensch, Leute, wir sind dabei.«
Der Familienvorstand der Norges meinte: »Ich glaube, wir machen jetzt auch mal mit«, aber seine Familie sagte: »Nee, immer noch nicht.«

Und dann hatte man in der EWG eine tolle Idee: »Sagt mal, wat is denn, wenn wir in Zukunft alle unter uns die Türen auflassen. Dann kann jeder jeden besuchen und wir müssen nicht erst klingeln oder zur Tür gehen, wenn da jemand steht. Also quasi nur wenn jemand an der Haustür steht, muss man mal schauen, wer dit is, aber ansonsten nich.«
Und alle so: »Mensch, die Idee ist echt dufte.«
Selbst Familie Helvetia, die ansonsten alles verschlafen hatte und an nichts teilnahm, sagte: »Yo, find ick jut.« Und auch die Norges sagten: »Ja, jut, wenn wir sonst nicht mitmachen müssen …«
Nur die Irishs und die Brits sagten: »Nee, also wissen wa nich so recht.«
Der Rest im Haus sagte: »Schade, aber streiten wir uns nicht drüber. Ihr seid ja eh da draußen irgendwo unter euch.«

Schließlich sagte man sich in der EWG auch: »Also diese ganze Umrechnerei zwischen unseren Wohnungen, wer was wie bezahlt, ist auch zu kompliziert. Vielleicht sollten wir alle zusammen in einer Währung rechnen, dann macht sich das alles einfacher. Außerdem fühlen wir uns dann alle noch mehr zusammengehörig, wenn wir alle die gleiche Währung haben.«
Und alle sagten energisch: »Yo!«
Außer Familie Danmark und die Brits. Die waren der Meinung, dass ihr Geld irgendwie besser als das andere Geld wäre.
»Unsere Familie ist schon so alt und das hat Tradition bei uns«, sagten die Brits. »Also machen wir da nicht mit.«
Alle im Haus rollten etwas mit den Augen, weil die Brits schon wieder eine Extrawurst haben wollten, aber dann dachten sie: »Ja, was soll’s, die sind ein wenig merkwürdig. Wahrscheinlich liegt das an dem komischen Essen.«
Das galt wohl für beide Familien, denn die Danmarks hatten auch immer diese komische rote Wurst. Aber egal.

Nach einiger Zeit kamen noch einmal etliche Familien aus dem Haus dazu und einige andere fragten, ob sie nicht auch mitmachen könnten.
Dummerweise hatte Familie Hellas aber ein Problem. Die hatten ordentlich Geld ausgegeben, obwohl nur ein Teil der Familie wirklich etwas verdiente.
»Aber wieso? Das geht doch alles auf Kreditkarte?«, sagte Familie Hellas und die anderen Familien patschten sich an den Kopf und sagten: »Leute, aber auch das müsst ihr irgendwann bezahlen?«
»Ach so?«
»Ja, schon.«
»Manno.«
Da haben sich dann alle Familien im Haus zusammengesetzt und gesagt: »Na jut, wir werden euch etwas mit Geld aushelfen, aber dafür müsst ihr natürlich auch etwas für uns tun und dafür sorgen, dass ihr alle wieder nen Job habt, ja?«
»Sicher«, sagte Familie Hellas und trank zunächst mal einen Metaxa.
»Ernsthaft«, sagte der Rest. »Wir geben euch nix, wenn ihr nur rumsitzt und sauft.«
»Ja, okay«, sagte Familie Hellas und hörte mit dem Saufen auf.

Aber nicht alle Personen in den jeweiligen Familien im Haus fanden es toll, dass man der Familie Hellas Geld geben wollte. Manche meinten: »Ey, das Geld könnten wir auch für uns selbst ausgeben!«
»Ja«, sagten die, denen etwas an der Gemeinschaft gelegen war, »aber wir haben ja damals gesagt, dass wir uns alle gegenseitig unterstützen. Wenn wir das gleich bei der ersten Krise über Bord werfen, dann hat das Ganze ja keinen Sinn, oder?«
»Na ja, vielleicht macht das Ganze ja keinen Sinn«, sagten ein paar Personen in den jeweiligen Familien. »Unsere eigenen Familien haben ja auch Sorgen.«
»Ja, aber schaut doch mal«, sagten die, die die Gemeinschaft nicht gleich aufgeben wollten, »wir machen alles gemeinsam, sparen total viel, weil wir gemeinsam einkaufen, wenn mal was ist, greifen wir uns gegenseitig unter die Arme und gestritten haben wir uns auch ganz lange nicht mehr. Jeder kann jeden besuchen und irgendwie ist es doch so, als wären wir alle eine große Familie. Außerdem, wenn wir es mit den anderen Familien aus der Straße zu tun haben, reden die gleich ganz anders mit uns, weil sie wissen, dass wir alle zusammenstehen.«

Eigentlich waren das Argumente, die alle überzeugten, aber gerade bei den Brits gab es ein paar, die dachten: »Weiß nich, früher war alles besser.«
»Wat meinst du?«, fragten andere. »Zu der Zeit, als uns noch die ganze Straße gehört hat und wir uns wie Arschlöcher aufgeführt haben?«
»Ja, genau.«
»Ach so. Ja, hm.«
»Ich glaube, wir sollten bei diesem ganzen Quatsch nicht mehr mitmachen.«
»Aber neulich hat uns die Gemeinschaft erst ne Mikrowelle bezahlt und ein paar von den Leuten helfen bei uns in der Wohnung aus. Also, ein paar von uns Brits wissen ja nicht mal, wie man ein Pflaster klebt.«
»Aber in letzter Zeit kommen so viele Leute von außerhalb des Hauses, weil sie hier unterkommen wollen. Ich meine, deren Haus auf der anderen Straßenseite brennt, es wohnen ein paar Mörder in dem Haus, ein paar der Familien können schon untereinander nicht miteinander und wir haben denen auch noch das Essen geklaut, aber eigentlich ist es doch total super da bei denen, oder? Hier haben die doch eigentlich nichts zu suchen, richtig?«
»Mensch, die würden sogar in der Badewanne wohnen. So schlimm ist das doch nicht. Außerdem helfen die anderen Familien ja auch. Familie Deutsch hat ja auch welche unterbringen können und es nicht mal gemerkt.«
»Und wenn ich nachts schlafen will, bringen die mich bestimmt um.«
»Wat?«
»Ja.«
»Nee.«
»Na, ich weiß nicht.«
»Warum sollten die das denn tun?«
»Na, da wohnen doch Mörder bei denen im Haus.«
»Vor denen rennen sie doch aber weg.«
»Dann sind die bestimmt auch Mörder.«
»Wat? Wo ist denn da die Logik?«
»Außerdem fressen die uns den ganzen Kühlschrank leer.«
»Hast du mal in den Kühlschrank geschaut? Der ist so voll, dass wir zum Teil Zeug wegschmeißen müssen, weil wir es nicht schnell genug weggegessen kriegen. Halb so wild.«
Ein paar Jungen aus der Familie Brits, Boris und Nigel, die schon in der Vergangenheit öfter mal Mist gebaut hatten, riefen nun andauernd dazwischen: »Wir wollen raus! Wir wollen raus!«
»Kämm dir erst mal die Haare«, sagten manche aus der Familie zu Boris, aber der wollte nicht hören.
Stattdessen erfanden er und Nigel lauter Lügen, die sie in der Familie herumerzählten: »Wir schicken wöchentlich 350 Pfund unseres Geldes an die anderen Familien, dabei könnten wir uns damit Pflaster kaufen.«
»Ist doch völliger Blödsinn«, argumentierten manche, aber etliche in der Verwandtschaft, die in der Schule nie so richtig aufgepasst hatten, sagten: »Ach?«
»Wir sollten darüber abstimmen, ob wir weiter in der Gemeinschaft sein wollen oder nicht.«
»Genau! Das ist nämlich doof!«, riefen viele und andere, also die, die mal kurz darüber nachdachten, was ihnen die Gemeinschaft eigentlich brachte, sagten: »Aber wir haben ja im Grunde mehr Vorteile als Nachteile dadurch.«
»Nee, stimmt ja gar nicht. Wir könnten wieder so ein Riesenarschloch wie früher sein!«, sagten Boris und Nigel und stolperten über ihre eigenen Schnürsenkel.

Also stimmte die Familie Brits ab und es stellte sich heraus, dass die meisten von ihnen raus wollten. Das Familienoberhaupt, Papa David, sagte daraufhin: »Äh, lasst mich damit in Ruhe. Ich bin weg. Mach du das mal, Mama Theresa.«
Und Theresa sagte: »Ey, ich wollte doch aber weitermachen!«
»Ja, das kannste ja jetzt der Gemeinschaft erklären.«
Also ging sie zur Gemeinschaft und sagte: »Leute, wir machen nicht mehr bei euch mit.«
Und die anderen Familien im Haus sagten: »Ja, schade. Doof für euch, aber wenn ihr meint …«
»Wir müssten dann noch verhandeln, wie das Ganze laufen soll«, sagte Theresa.
Und die Familien sagten: »Ja, mach doch einen Vorschlag.«
Und Theresa sagte: »Ja, also eigentlich soll alles so bleiben wie bisher, aber wir zahlen einfach nix mehr.«
Und alle anderen im Haus sagten: »Du hast sie ja wohl nicht alle.«
Da meinte Theresa: »Hm, das wird ja schwieriger als gedacht.«

So nach und nach stellten einige Brits fest, dass sie die Sache mit dem Austritt nicht so recht durchdacht hatten. Familie Irish beispielsweise fragte: »Ey, wat is denn eigentlich mit dem Zimmer, das wir uns teilen? Soll es da etwa wieder so einen Streit geben, wie wir ihn vor Jahren hatten?«
»Nee«, sagte Theresa. »Das, äh, regeln wir irgendwie.«
Onkel Scott, der im nördlichsten Teil der Wohnung wohnte, gerne mal einen über den Durst trank und immer so komisch sprach, sagte »Oi! Wat is dit für’n Quatsch? Ich glaube, ich lass mich scheiden!«
»Fängst du schon wieder davon an?«, sagte der Rest der Familie.
Allerdings nahm Scott dann noch einen Schluck und schlief wieder ein.

Theresa ging also wieder zu den anderen Familien und sagte: »Leute, wat is? Es bleibt alles beim Alten und wir zahlen einfach nicht mehr, okay?«
Und die Familien sagten wieder: »Keule, ham wa doch schon jesacht: Is nich. Wenn du nicht bald mit einer tollen Idee rüberkommst, dann kommt ein Zaun um eure Wohnung und dann müsst ihr halt sehen.«
»Aber wir würden halt auch gerne billig einkaufen.«
»Ja, aber ihr wolltet ja nicht mehr.«
»Und es können doch weiterhin Leute bei uns Pflaster kleben und sich um unsere Finanzen kümmern.«
»Na ja, da müssten wir aber klären, dass das relativ unkompliziert geregelt wird.«
»Das wollen meine Leute aber nicht.«
»Tja, dann … eben nicht.«
»Und was ist jetzt mit der Schokolade und den Keksen, die es immer für alle gab? Davon gebt ihr uns doch sicher noch ab, oder?«
»Noch einmal, ihr wollten das doch nicht mehr. Also könnt ihr auch keine Schokolade und Kekse haben.«
»Manno.«

Mittlerweile merkte die Familie Brits, dass Boris und Nigel gelogen hatten, aber die kicherten nur und erzählten sich weiter Witze in der Ecke auf dem Ledersofa. Manche aus der Familie wollten ihnen zwar eine Backpfeife geben, ließen es dann aber doch.
In einigen anderen Sippen des Hauses hatte auch so manches Familienmitglied geschrien, dass die Hausgemeinschaft blöd war, aber komischerweise sagte jetzt niemand mehr etwas dagegen. Stattdessen bemitleidete man die Familie Brits irgendwie.
»Also, ihr könntet vielleicht doch von unseren Einkäufen profitieren, aber dann müsst ihr euch weiter beteiligen. Ihr könnt dann aber nicht mehr sagen, was eingekauft werden soll.«
»Das ist ja dann noch viel blöder, als es vorher schon war, oder?«
»Ja, aber ihr wolltet ja nicht mehr, also …«
Also überbrachte Theresa diese Nachricht ihrer Familie, die das ebenfalls als bescheuerter empfand, als es vorher gewesen war.
»Ja, wat wollt ihr denn sonst?«, sagte Theresa. »Im schlimmsten Fall können wir zwar einkaufen gehen, müssen aber viel mehr zahlen. Dann haben wir kein Geld mehr für Schokolade und Kekse.«
»Die waren doch vorher immer umsonst!«
»Ja, jetzt aber nicht mehr!«
»Das ist doof!«
»Ach was?«, sagte Theresa und alle schauten sie verärgert an.
»Was ist denn mit uns?«, fragten ein paar Mitglieder der Familie, die sich vorher um die Finanzen der Hausgemeinschaft gekümmert hatten. »Wenn wir nicht mehr in der Hausgemeinschaft sind, haben wir ja gar keinen Job mehr.«
»Tja«, sagte Theresa.
»Das ist doof!«
»Ach was?«, sagte Theresa und alle schauten sie verärgert an.
Und das eine Familienmitgleid, das wusste, wie man Pflaster klebt, fragte: »Sagt mal, soll ich mich hier eigentlich alleine um die Gesundheit der Familie kümmern?«
»Zunächst. Vielleicht«, sagte Theresa. »Zumindest, bis wir mit dem Rest der Hausgemeinschaft etwas verabreden könnten.«
Familie Irish fragte mittlerweile auch noch mal nach: »Wat is denn jetzt mit dem Zimmer?«
»Also, wenn wir uns nicht einigen können, dann müssen wir da wieder richtige Wände einziehen.«
»Das ist aber eigentlich immer noch unser Zimmer!«, sagte Familie Irish und nannte die Brits bekloppt.

Theresa ging wieder zur Gemeinschaft und sagte: »Also, wenn ich mal einen ganz anderen Vorschlag machen dürfte.«
»Ja, wir sind ganz Ohr.«
»Wie wäre es, wenn wir alles so machen wie bisher, nur dass wir quasi einfach unseren Mund halten und die Füße still halten.«
»Damit könnten wir leben.«
Und die Familie Brits sagte: »Ey, nee! Wir sehen ja aus wie Trottel!«
Und der Rest der Straße sagte: »Ach was?«
Daraufhin erklärte die Hausgemeinschaft es noch einmal ganz genau: »Leute, erst wollt ihr nicht mitmachen. Dann doch. Dann wollt ihr nicht bei den offenen Türen mitmachen. Dann wollt ihr nicht bei der Währung mitmachen. Dann waren da noch ein paar andere Kleinigkeiten, bei denen ihr euch geweigert habt, dabeizusein. Ihr wollt nicht helfen, ein paar Leute aus dem brennenden Haus gegenüber aufzunehmen. Ihr seid die ganze Zeit nur am Rumnölen und wollt unter euch sein. Könnt ihr haben. Wir lassen euch in Ruhe, wenn ihr das wollt. Aber wenn ihr Kuchen, Kekse und billige Einkäufe haben wollt, dann müsst ihr dafür auch was tun.«

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann streitet Familie Brits sich bis heute darüber, was denn nun eigentlich gemacht werden soll …

Das Schiff der Verdammten – Gedanken zum Holocaust und der Flüchtlingskrise 2018

Achtung: Akute Tiraden-Gefahr!

Denen, die hier öfter mitlesen, dürfte wohl klar sein, wie ich in der Frage der Flüchtlingskrise stehe. Um es noch mal ganz deutlich zu sagen: Ich habe grundsätzlich ein Problem damit, Leute irgendwo verrecken zu lassen. Ganz besonders im Meer, immerhin war ich – ganz wie Martin in meinem Buch »Der Tod und andere Höhepunkte meines Lebens« – früher mal Rettungsschwimmer und -taucher. Meine Idee dahinter war ja auch nicht zu Ertrinkenden zu schwimmen und dann zu sagen: »Tja, hättest du mal Schwimmen gelernt, was?«
Mir stößt es auch sauer auf, wenn damit argumentiert wird, dass die ja in den Ländern bleiben könnten, von denen sie aus flüchten oder ins Meer starten. Das ist in etwa so, als würde ich jemanden in einem brennenden Haus sagen: »Ja, weißte, geh doch ins Erdgeschoß, da brennt es noch nicht.«
Noch mehr ärgern tut mich aber, dass man – mal wieder – nichts aus der Geschichte lernt. Denn – Überraschung! – wir hatten das alles schon mal!

Setzt euch hin, nehmt euch einen Keks und hört Onkel Sebastian mal zu, wie er euch von St. Louis erzählt. Nein, nicht der Stadt … dem Schiff!

Im Mai 1939 war es in Deutschland irgendwie nicht mehr wirklich gemütlich. Hitler war schon sechs Jahre an der Macht und hatte praktisch von Anfang an die Juden verfolgen lassen. Nun durften sie nicht mehr so leben wie zuvor, Konzentrationslager gab es auch schon eine Weile und alles war daraufhin ausgerichtet, es ihnen so schwer wie möglich zu machen. Trotzdem blieben viele, denn Deutschland war ihre Heimat. Selbst als sie 1935 ihrer Bürgerrechte beraubt wurden, blieben viele. Manche vielleicht auch, weil sie es sich schlichtweg nicht leisten konnten, auszuwandern. Aber nach der Reichskristallnacht 1938 dachten dann doch etliche: »Also wenn wir hier um unser Leben fürchten müssen, gehen wir doch lieber ins Ausland.«
1933 wanderten um die 38.000 Juden aus. 1934-1937 waren es jährlich so ca. 20.000-25.000. 1938 sprang die Zahl auf 40.000.
1938 hatten dann auch ein paar Länder eine Konferenz in Évian, wo sie lang und breit diskutierten, wie man denn mit den jüdischen Flüchtlingen umgehen sollte. Das war nämlich mittlerweile zum Problem geworden. Die bösen, bösen jüdischen Flüchtlinge wollten nämlich bestimmt nur den Leuten die Arbeitsplätze wegnehmen. Oder – was weiß ich – die westliche Welt verjüdisieren. Terroranschläge wollten sie bestimmt auch machen. Und die teilnehmenden Länder, darunter die USA, Kanada, Mexiko, Frankreich, Großbritannien und Australien, sagten alle: »Nee, die wollen wir nicht. Wir haben ja eigene Probleme und so. Und überhaupt: Iiiiih, Juden.«
Einige Länder, vor allem in Osteuropa, gingen sogar so weit zu sagen: »Wisst ihr was: Wir hätten da auch noch Juden, die wir gerne loswerden würden.«
Die meisten Länder reagierten nach der Art: »Na ja, aufnehmen können wir die nicht. Durchreise … ja, vielleicht … aber ansonsten …«. Ein paar Länder jedoch sagten tatsächlich: »Aber wir würden einen ganzen Haufen nehmen.« So z.B. die Dominikanische Republik, dessen »Präsident« – eigentlich Diktator – im vorherigen Jahr 27.000 schwarze Haitianer ermorden ließ, damit das Land etwas weißer werden würde. Da hätten die Juden bestimmt viel Spaß mit dem gehabt, aber die konnten sich ja nicht wirklich äußern, denn man hatte vorsorglich keine zur Konferenz eingeladen. Warum auch … hätte man ja hören müssen, was die zu sagen haben.
Im Endeffekt einigte man sich darauf, dass man ein Komitee gründen sollte, dass sich darüber dann mal Gedanken macht.

Soweit zum damaligen Stand der Dinge.

1939 lässt Deutschland noch Juden ausreisen. Ein paar Juden hatten sich Touristenvisa für Kuba und manche sogar Einwanderungspapiere für die USA beschaffen können. Am 13. Mai 1939 stiegen sie alle auf das Kreuzfahrtschiff »St. Louis« der Hapag. An den Hamburger Landungsbrücken verabschieden sich Familien, wohl wissend, dass sie sich wohl nicht mehr sehen werden. Eine Kapelle spielt »Muss I denn zum Städtele hinaus«, weil das überhaupt keinen höhnischen Eindruck macht.
Der Staat hatte vorher den Ausreisenden praktisch alles genommen. Jeder Passagier durfte nur 10 Reichsmark und Waren im Wert von 1000 Reichsmark mitnehmen. Im Grunde wollte der Staat sicherstellen, dass die Flüchtlinge dem Land, in das sie zu migrieren versuchten, auch wirklich zur Last fallen würden.
War die Stimmung anfangs auf dem Boot noch hoffnungsvoll, wurde den Leuten doch nach einer Weile klar, dass sie mit einem Touristenvisum unter Umständen nicht lange hinkommen. Außerdem gab es Gerüchte an Bord, dass es in Kuba einen Regierungswechsel gegeben und die neue Regierung die Einreisebedingungen verschärft hätte. Einer der Passagiere starb an einem Herzinfarkt und vorsorglich nahm man eine Seebestattung vor, um die Einreise nicht zu gefährden. Ein anderer Passagier, offenbar schon völlig runter mit den Nerven, sprang gleich hinterher und konnte nicht mehr gerettet werden.
Am 27. Mai konnte die St. Louis dann in Havanna anlegen. Alle freuten sich schon, aber dann kamen Soldaten und drängen sie wieder zurück aufs Schiff. Die Regierung behauptete, dass die Einreisebewilligungen illegal waren. Bis heute was man nicht so richtig, was los war. War vielleicht wie heute in Deutschland, wo man erst sagte: »Yay, toll, dass ihr überlebt hat, Flüchtlinge!« Und danach »Boah, geht doch wo ihr wohnt.«
Die Stimmung an Bord war danach nicht gerade bombig zu nennen. Der Kapitän, der sich um Lösungen bemühte, wurde nun angefeindet. Ein Passagier schnitt sich die Pulsadern auf und sprang über Bord, weil er dachte: »Doppelt hält besser.« Man konnte ihn jedoch retten. Daraufhin ordnete der Kapitän allerdings »Selbstmordverhütungsrundgänge« an. Der Typ, der sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte, wurde dann aus Mitleid an Land gelassen. Da dachten sich die anderen Passagiere bestimmt auch:« Hmmm, Pulsadern!« Auf jeden Fall war der Typ, der an Land gelassen wurde, damit noch einer der Glücklichen.
Kuba verscheuchte das Schiff. »Husche, husche!«
Selbst der Kapitän wusste nicht wirklich, was er machen sollte. Also fuhr er erst mal Richtung Florida. Die USA sagten aber: »Leute, wir haben eine Quote, die haben wir erfüllt. Tschüssikowski.«
Das wollte der Kapitän aber nicht so auf sich sitzen lassen. Er versuchte, illegal zu landen, allerdings wurde das bemerkt. Danach wurden sie noch von Flugzeugen bedroht.
Dem US-Präsident Roosevelt kamen Zweifel: »Ach, lassen wir die doch rein«, aber sein Außenminister Cordell Hull entgegnete »Nee, nachher kommen noch mehr oder so. Dann wird hier alles verjüdischt.«
Daraufhin sagte Roosevelt: »Ey, steht nicht auf der Freiheitsstatue sowas wie ›Gebt mir eure Müden, eure Armen/Eure geknechteten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen‹? Heißt das nicht, dass wir uns um die kümmern sollten?«
»Äh, ach was, sind doch nur Schmarotzer«, sagte Hull und freute sich schon mal auf den Friedensnobelpreis, den er später bekommen sollte.
Die St. Louis schipperte dann noch ein wenig hin und her, aber war kurz davor keinen Sprit mehr zu haben, bis dann Großbritannien, Belgien, die Niederlande und Frankreich sagten: »Ja, Mann, dann kommt halt her.«
Also kamen die Juden zurück nach Europa, weil da die Lage so absolut super war.

Kein halbes Jahr später überfiel Deutschland die anderen Länder. Die Juden wurden zusammengetrieben, in Konzentrationslager geschafft und dort umgebracht. Von den 937 Juden an Bord der St. Louis starben 254 während des Holocaust. Nur die in Großbritannien gebliebenen Flüchtlinge waren sicher. Ach ja, und dann waren da noch die sechs Millionen anderen Juden, die nicht flüchten konnten …

Es gab noch andere Schiffe, wie die St. Louis. Diese hatten ein ähnliches Schicksal. Und heute wird es wieder ganz genau so gemacht, wie damals schon. Nur das die heutigen Flüchtlinge noch nicht mal ein ordentliches Schiff haben, auf dem sie unterkommen können. Und wieder wird die Unmenschlichkeit und das Unvermögen der westlichen Länder auf Kosten der Migranten zur Schau gestellt. Diesmal wird nur von deutscher Seite vorgeschlagen, ob man nicht Konzentrationslager aufbauen könnte. In den einzelnen Ländern. Das Know-How könnten wir den Ländern ja vielleicht noch verkaufen. Muss sich doch auch lohnen …

Es streitet niemand ab, dass in den Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen, eine Lösung erfolgen muss. Um noch einmal die Analogie des brennenden Hauses zu benutzen: Natürlich muss die Feuerwehr das brennende Haus löschen. Solange muss ich mich aber um die flüchtenden Einwohner kümmern, die ganz offensichtlich nicht zurück in ihre Wohnungen können. Sie einzusperren, nicht heraus zu lassen und ihnen jede Hilfe zu verweigern ist schlichtweg Mord.

Christopher Street Day

Am 28.06.1969 kam es zu einem gewaltsamen Konflikt zwischen Homosexuellen, Transsexuellen und Polizisten in New York. Es war eines der wichtigsten Ereignisse in der Lesben- und Schwulenbewegung und wird in der Regel jedes Jahr an einem Wochenende um dieses Datum herum gefeiert. Je nachdem wo man auf der Welt wohnt, wird an dieses Ereignis mit dem Namen der Straße, in welcher der Aufstand stattfand, gedacht, oder mit dem Namen der Kneipe, wo der Konflikt begann: Im englischsprachigen Raum ist es Stonewall oder Stonewall Day, im deutschen Sprachraum der Christopher Street Day.

Um zu erklären, was da eigentlich los war, hole ich mal ein wenig aus:
Während man in der Antike – keine Bange: Ich fasse mich kurz – der Sache mit der Homosexualität recht aufgeschlossen gegenüberstand, kam irgendwann die Kirche und sagte: »Iiiiiih, könnt ihr doch nicht machen.«
»Warum nicht?«, fragten die Homosexuellen. »Jesus hat dazu nie was gesagt und das, was im alten Testament steht, gilt ja eigentlich nicht mehr, insofern …«
»Könnt ihr nicht machen, basta!«
»Manno.«
Solange der christliche Glaube stark war, hielt man sich mit der ganzen Homosexualität also eher bedeckt. Aber wie das nun mal so ist: Man sucht sich das ja nicht aus. Schwule und Lesben gab und gibt es immer wieder. Und wie es so schön heißt: »Gleich und gleich gesellt sich gern«, insofern gab es natürlich auch immer Treffpunkte, an denen Homosexuelle zusammentrafen.

1969 war ein Jahr, welches das Ende eines Jahrzehnts markierte, in dem einschneidende Dinge in Amerika passierten. Kalter Krieg; Kubakrise; ein erschossener Präsident; Musik, die von etwas mehr handelte als »Schubidubidu«, was sicher auch an der besseren Verbreitung von Drogen lag … aber eben auch die Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen und der Vietnamkrieg und die damit verbundenen Demonstrationen im Land. Die beide letzten Punkte hatten letztendlich zu einer starken Protestkultur in den USA geführt. Man stand der Polizei und ihren teilweise fragwürdigen Methoden nicht mehr hilflos gegenüber. Alle waren sich viel mehr ihrer Rechte bewusst. Und das ging auch an der Homosexuellenszene nicht vorbei. Es gab einige Politiker, die sich öffentlich dazu bekannten schwul zu sein und die ersten Bewegungen für Homosexuellenrechte waren entstanden. Aber noch gärte es unter der Oberfläche.

In den USA war es gang und gäbe, Razzien in Kneipen oder Etablissements durchzuführen, die als Schwulentreffs bekannt waren. Die Polizei nahm die Personalien der angetroffenen Personen auf, um sie dann zu veröffentlichen. Das war für die Homosexuellen wenig prickelnd, denn auch Chefs oder Mitarbeiter waren durchaus Kleingeister, die dachten, dass die sexuellen Vorlieben ihrer Kollegen sie irgendwas angingen. Man rennt ja ansonsten auch nicht herum, und erzählt seinen Kollegen: »Rat mal, was ich am Wochenende mit meiner Frau, drei Bananen, zwölf Kondomen und acht Liter Pflaumenmus gemacht habe?« Wissen will man es auch nicht. Na ja, vielleicht ein wenig, aber es geht einen halt nichts an. Als Homosexueller, der oder die sich das nicht aussuchen konnte, wurde man so schnell mal schief angesehen, geschnitten oder gar arbeitslos.
Irgendwann ging man in Amerika sogar so weit, dass man »Lockvögel« benutzte, um anderen Leuten Anstößigkeit oder unsittliches Benehmen anhängen zu können. Irgendwann schien man aber darauf zu kommen, dass das, was zwischen zwei den Dingen zustimmenden Erwachsenen zugeht, eigentlich nicht beachtenswert ist. Dann wollte man offenbar einfach den Leuten nur noch die Abende versauen: »Wat is’n, wenn wir den Ausschank von Alkohol an Homosexuelle verbieten?«
Wie oben bereits erwähnt: In den 60er Jahren gab es die ersten Schwulenrechtsbewegungen, und die brachten die Menschenrechtskommission dazu einzugreifen und zu sagen: »Dat lasst mal schön bleiben.«
In der Folge schossen Bars für Homosexuelle aus dem Boden. So auch das Stonewall Inn.

Das Stonewall Inn war eine Bar nicht nur für Schwule und Lesben. Auch Individuen, die sonst nicht gerne gesehen wurden, waren dort zu Gast. Mit anderen Worten: Schwarze und Latinos.
Dummerweise war die Kneipe in der Hand von Mafiosi, eine Schankerlaubnis hatte sie auch nicht und die Polizei fand, dass man da mal was machen müsste. Außerdem gab es in der Zeit Diebstähle bei Börsenhändlern der Wall Street, die man mit Homosexuellenkreisen in Verbindung brachte oder zumindest mit den Mafiosi, die den Laden betrieben. Und schwarze Schwule oder Lesben gingen in den Augen der Polizei schon gar nicht.

Am Tag vor der Razzia im Stonewall Inn fand die Beerdigung der Schwulenikone Judy Garland statt. Die Schauspielerin, welche die meisten wohl aus dem Film »Der Zauberer von Oz« kennen, hatte mal gesagt, dass ihr egal war, dass sie für viele Schwule eine Ikone war, weil sie einfach für alle Menschen singen wollte. Mit anderen Worten: Bei Schwulen und Lesben hatte die echt ein Stein im Brett und alle liebten sie. Insofern war man in diesen Kreisen schon etwas aufgewühlt, bevor es überhaupt zu Handgreiflichkeiten kam.
Nachts um halb Zwei kam die Polizei in die Kneipe und begann Leute festzunehmen. Dabei ging sie wenig zimperlich vor, denn – klar – man hatte bei den Protesten der Schwarzen und Vietnamgegner gelernt, wie man mit seinem Schlagstock umzugehen hatte. »Erst kloppen, dann fragen. Am besten kloppen, bis man nicht mehr fragen kann.« So oder ähnlich war das. Die Polizei war auch nicht gerade für ihre Subtilität bekannt. Oder für den Mangel an Leuten, die Freude dabei empfanden, wenn man Leute belästigen konnte. Insofern war es für die Homosexuellen wohl durchaus erniedrigend, als bei etlichen zunächst mal festgestellt werden musste, ob sie Männlein oder Weiblein waren. Männer in Frauenkleidern, die auf der Toilette als solche identifiziert wurden, führte man ab. Ein paar Lesben wurden von der Polizei besonders eingehend untersucht. Das war dann diese »Du brauchst nur mal einen richtigen Mann«-Nummer.
Die Leute, die man gehen ließ, sammelten sich entgegen der sonstigen Vorgehensweise, welche man am besten mit: »Ich mach mal, dass ich weg komme« umschreiben konnte, draußen vor der Tür und beobachteten das Geschehen. Die Menge wurde immer größer, da auch aus umliegenden Kneipen weitere Zuschauer kamen.

Und so langsam wurde der Polizei mulmig.

Als einer der Polizisten einen Transvestiten schubste, der ihm daraufhin seine Handtasche über den Kopf zog, begann die Menge unruhig zu werden. Gerüchte darüber, dass im Inneren der Kneipe Leute verdroschen wurden, machten in der Menge draußen die Runde. Kleingeld und Bierflaschen wurden gegen die Autos der Polizei geworfen. Die Menge begann zu buhen.
Dann wurde eine Lesbe herausgeführt, die sich beschwerte, dass ihre Handschellen zu eng waren. Sie wehrte sich gegen die Grobheit der Polizisten und wurde von einem Schlagstock am Kopf getroffen. Und das war dann praktisch das I-Tüpfelchen bzw. die Beule am Kopf, die den Mob zum Ausrasten brachte.
Während einige Polizisten den Herannahenden ordentlich eins auf die Rübe gaben, was die Zuschauer noch ärgerlicher machte, reagierten andere Polizisten mit »Ohshitohshitohshit«. Sie setzten sich ins Auto und hauten ab. Andere verschanzten sich in der Kneipe.
Irgendwann erschien dann eine Sondereinheit der Polizei, um die Beamten in der Kneipe zu befreien, und formierte eine Phalanx, um den Mob zurückzutreiben. Der reagierte darauf, in dem er eine Kick Line à là »A Chorus Line« formierte und dabei zotige Lieder sang. Aber vermutlich hatten die Polizisten irgendwann genug von der Demonstration solcher Schwulheit und schlugen drauflos – weil sie von ein paar Drag Queens verarscht wurden.
Ein paar Stunden später war im Stonewall Inn praktisch alles kaputt, dreizehn Leute waren verhaftet, einige im Krankenhaus und die Gemeinde der Schwulen und Lesben vereint wie noch nie. Am nächsten Abend machte das Stonewall Inn wieder auf und über 1000 Leute versammelten sich auf der Straße, laut »Gay Power!« rufend. Wieder erschien die Polizei und wieder passierte das, was am Tag zuvor passierte: Kick Lines wurden aufgestellt und die Polizei schlug sie nieder.
Aber der nun öffentlich zur Schau gestellte Stolz der Schwulen und Lesben griff auf immer mehr Leute über. Landesweit. Gruppen für Homosexuelle wurden gegründet, die sich nicht mehr hinter obskuren Namen verbargen, um den eigentlichen Zweck zu verschleiern. Erstmals benutzten Gruppen öffentlich das Wort »gay« in ihren Namen. Einige der Organisationen übernahmen die Taktiken der Schwarzenbewegung oder der Anti-Kriegsdemonstraten. Schwul oder lesbisch zu sein, wurde nicht mehr versteckt.

Sicher, die Razzien auf Schwulenbars hörten deswegen nicht auf. Zumindest zunächst nicht, aber das Zeichen war gesetzt. Und es ist kaum abzustreiten, dass sich seitdem eine Menge getan hat, auch wenn es immer noch Idioten gibt, die meinen sich in die Belange von Anderen einmischen und darüber urteilen zu müssen, was wer in seinem privaten Umfeld macht.

Ein Jahr nach dem Vorfall in der Christopher Street gab es die ersten »Gay Pride«- Märsche in mehreren Städten der USA. Zwei Jahre darauf fanden diese auch in mehreren internationalen Städten statt, darunter West-Berlin. Mittlerweile sind die Märsche für viele nicht mehr aus den Städten wegzudenken. Dieses Jahr finden in 241 Städten weltweit »Gay Pride«-Märsche statt.

In vielen deutschen Städten wird der Christopher Street Day dieses Jahr übrigens am 28.07. gefeiert, also genau einen Monat nach dem eigentlichen Tag. Geht da ruhig mal hin. Wenn man etwas über die CSD-Demonstrationen behaupten kann, dann ist es, dass sie wesentlich spaßiger, als alle anderen Demonstrationen sind.

 

Der Text stammt ursprünglich aus dem Jahr 2018, deswegen können manche Daten nicht mehr stimmen.

Siebenschläftertag

Heute ist Siebenschläfertag. Also im Grunde kein Feiertag, aber trotzdem irgendwie ein wichtiger Tag, weil das Wetter an diesem Tag laut alten Bauernregeln für die nächsten Wochen bestimmend ist. Tatsächlich hat man wissenschaftlich herausgefunden, dass da durchaus was dran ist, allerdings bezieht sich das eher auf den 7. Juli, wo der Siebenschläfertag nämlich aufgrund der gregorianischen Kalenderreform sein müsste.
Anders ausgedrückt: Heute ist gar nicht Siebenschläfertag. Eigentlich erst am 7. Juli. Aber im Kalender steht 27. Juni, weil irgendwelche Reformen immer alle möglichen Leute verwirren. Wurst…
Aber warum heißt der Siebenschläfertag eigentlich Siebenschläfertag?

Das hat – wer hätte das gedacht – etwas mit der Kirche zu tun. Allerdings gibt es diese Legende von den sieben Schläfern tatsächlich im Christentum als auch im Islam! Wir haben also heute den großen Integrationstag!

Der Legende nach kam im Jahr 251 der römische Kaiser Decius nach Ephesus, um an den Opferfesten für die heidnischen Götter teilzunehmen und nebenher ein paar Christen umzubringen. Jeder braucht halt ein Hobby. Tatsächlich bringt er so viele um, dass sich bald die Stadtmauern biegen, auf denen die Toten gestapelt werden. Sieben junge Christen, die im Palast ihren Dienst taten, wurden verraten und zu Decius gebracht, der sie sich ansah und sinngemäß sagte: »Meine Fresse, ihr seid ja noch ganz schön jung. Ich finde zwar Christen abmetzeln irgendwie witzig, aber wenn ihr abschwört und unseren Göttern Opfer bringt, ist alles knorke.«
»Nee, wollen wir nicht.«
»Leute, soll ich euch gleich umbringen?«
»Also, wenn Sie das so sagen…«
»Ich gebe euch noch ein wenig Bedenkzeit. Ich fahr ein paar Tage in die umliegenden Ortschaften und schau mal, wen ich da noch alles umbringen kann.«
»Klingt nach einer Super-Idee.«
Darauf zogen die sieben jungen Christen los, begannen Almosen zu sammeln und zu verteilen, weil man sowas halt macht, wenn man gerade mit dem Tod bedroht wurde. Irgendwann merkten sie aber, dass sie was Wichtiges vergessen hatten.
»Wartet mal«, sagte einer der Christen, »kommt Decius nicht wieder zurück?«
»Ach ja, verdammt. Wat machen wir denn jetzt?«
»Scheiß was auf die Armen, wir nehmen das Geld von den Almosen, kaufen noch etwas Nahrung und verstecken uns in einer Höhle.«
»Wir könnten auch einfach das Land verlassen und es uns irgendwo nett machen«, sagte einer der Christen, aber die anderen schüttelten die Köpfe.
»Nee, Höhle ist das geilste überhaupt.«
Also schickten sie den Jüngsten von ihnen als Bettler verkleidet los, um noch etwas Brot zu kaufen. Und der rannte prompt Decius über den Weg.
»Hey, bist du nicht einer von diesen jungen …«
»Ohshitohshitohshit«, sagte der Jüngste der Christen und rannte weg.
Als er in der Höhle ankam, starrten ihn die anderen an. »Alter, du solltest doch Brot kaufen! Wat hast du denn da? Zwei, drei Stück?«
»Na, kauf du doch mal ein, wenn der Typ, der dich umbringen will plötzlich vor dir steht.«
»Hm, ja.«
»Wat machen wir denn jetzt?«
»Wir könnten uns ein wenig hinlegen.«
»Wir haben nüscht zu essen und sollen uns einfach hinlegen? So als ob nichts wär?«
»Ja, hier, wie heißt er … Gott, genau … der wird uns schon helfen.«
»Das klingt … natürlich absolut einleuchtend.«
Also machten sie ein Nickerchen.
Decius fand das irgendwie doof und wies seine Leute an, nach den jungen Christen zu suchen. Die fanden die aber nicht und so ging Decius zu den Eltern der Christen und sagte: »Passt mal auf, Leute. Wenn ihr mir nicht sagt, wo eure Kinder sind, schauen wir mal wie lange ihr Schmerz vertragt.«
Die Eltern der Christen sahen sich an und sagten dann hastig: »Die sind in der Höhle, da hinten. Warten Sie mal kurz, wir zeichnen das auf einer Karte ein.«
»Mann, das war ja einfacher als gedacht«, sagte Decius. »Wartet mal, wenn eure Kinder alle Christen sind, dann seid ihr doch bestimmt auch …«
»Nee, nee, nee, nee, nee, nee. Wirklich nicht. Gar nicht. Yay, Jupiter und Athene!«, sagte einer der Väter.
»Athene ist aus Griechenland, du Depp«, murmelte eine der Mütter.
»Yay, Jupiter und wie auch immer die heißt!«, sagte der Vater.
Daraufhin sagte Decius: »Na, das will ich mal durchgehen lassen.«
Statt seine Leute anzuweisen, die Christen aus der Höhle zu holen, sagte er ihnen aber, dass sie die einmauern sollen.
»Die leben doch aber noch«, sagte einer der Zenturios.
»Muss ich alles zweimal sagen?«
»Nee, schon gut. Bißchen brutal vieleicht, aber okay.«
Zwei christliche Diener des Kaisers, die er aus irgendeinem Grund nicht umgebracht hatte, schrieben schnell auf Bleiplatten, die sie anscheinend immer bei sich trugen, was sich zugetragen hatte und versteckten die unter den Steinen am Höhleneingang. Nicht etwa davor oder so, damit man vielleicht die Leute in der Höhle noch hätte finden können. Nein, nein.
Dann machte sich Decius auf den Weg und verstarb auch relativ bald.
Aber keiner kam auf die gottverdammte Idee, vielleicht mal die Steine von der blöden Höhle zu räumen, um zu schauen, ob man den Jünglingen irgendwie helfen könnte.
Bis knapp 200 Jahre später einer einen Viehstall bauen wollte, weswegen Arbeiter die Steine vom Höhleneingang wegschleppten. Da wachten die jungen Christen in der Höhle wieder auf und dachten: »Na, schauen wir mal, was draußen los ist.«
Wieder schickten sie den Jüngsten, der ja nun auch schon satte 200 Lenze hatte, los, damit der endlich den Rest vom Brot kauft. Als der in die Stadt kam, erkannte er sie kaum wieder. Und der Bäcker, von dem er Brot kaufen wollte, sah seine Münzen und dachte: »Alter, wat soll’n dit?«
»Na, das ist das übliche Zahlungsmittel.«
»Entweder du hast jetzt richtiges Geld dabei oder ich hol dir Polizei.«
Und so wurde der Junge festgenommen und erzählte seine Geschichte und führte gleich eine ganze Baggage von Leuten zur Höhle, darunter den Bischof, der prompt die blöden Bleitafeln entdeckte, die erklärten was vorgefallen war.
Irgendwer erklärt den jungen Christen, dass sie fast 200 Jahre geschlafen hatten.
»Wat du nich sagst«, erwiderten die Christen. »Da hat Gott, der alte Schwerenöter, uns tatsächlich gerettet.«
Und dann starben sie.
Aber anstatt zu fragen »Warum lässt Gott die Typen erst 200 Jahre schlafen, nur um sie gleich wieder umzubringen?«, tanzten alle Bewohner von Ephesus herum, riefen »Gott ist groß« und so einen Kram und bauten dann eine Kirche auf der Höhle.

Ja. Dit war dit …

Pfingsten

Heute ist Pfingsten. Den meisten Leuten ist klar, dass das irgendwas mit der Kirche zu tun hat und dass man am Pfingstmontag frei hat, obwohl wir eigentlich in einem Staat leben, der nichts mit der Kirche am Hut haben sollte. Aber man will sich ja nicht über einen freien Tag beschweren, gell? Wenn man aber irgendwen fragt, was Pfingsten ist, dann kriegt man eben meistens nur gesagt: »Ja, da ist frei« oder »Wat weiß ich«.

Also: Was ist Pfingsten?

Das Ereignis, an dem der heilige Geist über die Jünger gekommen ist. Nein, nicht auf diese Art und Weise, aber es war trotzdem ziemlich abgedreht. Was sagt denn die Bibel dazu? In der Apostelgeschichte, Kapitel 2 steht folgendes:

Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war – Man kannte also bereits den Namen, obwohl es erst dann stattfand … ein Wunder! – , waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen.
Und einer der Jünger sagte: »Lukas, hast du schon wieder Bohnen gegessen?«
Aber Lukas sagte: »Nein.«
Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen; und sie wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, zu predigen mit anderen Zungen, nach dem der Geist ihnen gab auszusprechen.
Und Lukas sagte: »Alter, ich glaube, in den Pilzen war irgendwas drin.«
Es waren aber Juden zu Jerusalem wohnend, die waren gottesfürchtige Männer aus allerlei Volk, das unter dem Himmel ist. Da nun diese Stimme geschah, kam die Menge zusammen und wurden bestürzt; denn es hörte ein jeglicher, dass sie mit seiner Sprache redeten. Sie entsetzten sich aber alle, verwunderten sich und sprachen untereinander: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn ein jeglicher seine Sprache, darin wir geboren sind? Parther und Meder und Elamiter, und die wir wohnen in Mesopotamien und in Judäa und Kappadokien, Pontus und Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und an den Enden von Libyen bei Kyrene und Ausländer von Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie mit unsern Zungen die großen Taten Gottes reden.«
Und die Frauen sahen sich an und sagten: »Das ist echt abgedrehter Scheiß. Außerdem hat da wer in Geographie aufgepasst und will jetzt angeben?«
Sie entsetzten sich aber alle und wurden irre – weil man damals nicht erst mal besonnen nachdachte – und sprachen einer zu dem andern: »Was will das werden?«
Die andern aber hatten’s ihren Spott und sprachen: »Sie sind voll süßen Weins.«
Da trat Petrus auf mit den Elfen, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: »Legolas, was sehen deine Elfenaugen?«
Und Legolas sagte: »Ey, warte mal, was zum Teufel machen Elfen in der Bibel?«
Und Petrus sagte: »Alter, ich glaube, ich bin einfach immer noch auf dem Trip.« Dann sagte er: »Ihr Juden, liebe Männer – Frauen lasse ich jetzt mal bewusst weg – , und alle, die ihr zu Jerusalem wohnet, das sei euch kundgetan, und lasset meine Worte zu euren Ohren eingehen. Denn diese sind nicht trunken, wie ihr wähnet, sintemal es ist die dritte Stunde am Tage; sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel – Oder war es Kevin? – zuvor gesagt ist:«
Und die Leute sagten: »So wie der redet hat er aber doch ganz schön einen im Tee.«
Aber Petrus sprach weiter: »Und es soll geschehen in den letzten Tagen«, spricht Gott, »ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Ältesten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in denselben Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. Und ich will Wunder tun oben im Himmel und Zeichen unten auf Erden: Blut und Feuer und Rauchdampf; die Sonne soll sich verkehren in Finsternis und der Mond in Blut, ehe denn der große und offenbare Tag des HERRN kommt. Und soll geschehen, wer den Namen des HERRN anrufen wird, der soll selig werden.«
Und alle so: »Wat?«
Doch Petrus fuhr fort: »Ihr Männer von Israel, höret diese Worte: Jesum von Nazareth, den Mann, von Gott unter euch mit Taten und Wundern und Zeichen erwiesen, welche Gott durch ihn tat unter euch (wie denn auch ihr selbst wisset), denselben (nachdem er aus bedachtem Rat und Vorsehung Gottes übergeben war) habt ihr genommen durch die Hände der Ungerechten und ihn angeheftet und erwürgt.«
»Ey«, sagte einer der Zuschauer, »ich dachte, die hatten den gekreuzigt? Und hieß der Typ nicht Jesus? Meine Fresse, der nuschelt aber auch.«
Aber das Volk machte: »Psssssssssst!«
Petrus fuhr fort: »Den hat Gott auferweckt, und aufgelöst die Schmerzen des Todes, wie es denn unmöglich war, dass er sollte von ihm gehalten werden. Denn David spricht von ihm: »Ich habe den HERRN allezeit vorgesetzt vor mein Angesicht; denn er ist an meiner Rechten, auf daß ich nicht bewegt werde. Darum ist mein Herz fröhlich, und meine Zunge freuet sich; denn auch mein Fleisch wird ruhen in der Hoffnung. Denn du wirst meine Seele nicht dem Tode lassen, auch nicht zugeben, dass dein Heiliger die Verwesung sehe. Du hast mir kundgetan die Wege des Lebens; du wirst mich erfüllen mit Freuden vor deinem Angesicht.«
Und die Zuschauer sagten: »Und der behauptet, er hätte nicht gesoffen. Schon klar.«
Petrus sprach weiter: »Ihr Männer, liebe Brüder, lasset mich frei reden zu euch von dem Erzvater David. Er ist gestorben und begraben, und sein Grab ist bei uns bis auf diesen Tag. Da er nun ein Prophet war und wußte, dass ihm Gott verheißen hatte mit einem Eide, dass die Frucht seiner Lenden sollte auf seinem Stuhl sitzen, hat er’s zuvor gesehen und geredet von der Auferstehung Christi, dass seine Seele nicht dem Tode gelassen ist und sein Fleisch die Verwesung nicht gesehen hat. Diesen Jesus hat Gott auferweckt; des sind wir alle Zeugen. Nun er durch die Rechte Gottes erhöht ist und empfangen hat die Verheißung des Heiligen Geistes vom Vater, hat er ausgegossen dies, das ihr sehet und höret. Denn David ist nicht gen Himmel gefahren. Er spricht aber: »Der HERR hat gesagt zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis dass ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße.« So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu einem HERRN und Christus gemacht hat.«
»Also doch gekreuzigt«, sagte einer der Zuschauer.
»Pssst!«, machte die Menge.

Und mit dieser ersten Predigt von Petrus könnte man sagen, dass die Kirche gegründet war. Pfingsten ist also so etwas wie die Geburtsstunde der christlichen Kirche.
Bin mir nicht ganz sicher, ob ein »Happy Birthday!« angebracht ist, in Anbetracht der Tatsache, was im Namen der Kirche so angestellt wurde…

Fronleichnam

Einige Leute haben heute frei, weil in deren Bundesländern Fronleichnam gefeiert wird. Die Anderen sehen vielleicht mal den Namen im Kalender stehen und denken sich: »Wat zum Teufel soll dat denn sein?« Damit geht es ihnen wie mir.

Fronleichnam hat nichts mit Fröhlichkeit zu tun. Die englische Übersetzung »Happy Cadaver Day« ist also unpassend. Es hat auch nichts mit Arbeit zu tun. Die Leichen machen heute keinen auf Frondienst leistenden Zombie. Das Wort kommt stattdessen aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet so viel wie »der Leib des Herrn«.

Gefeiert wird nämlich die leibliche Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie.
Ich kann praktisch spüren, wie die Gesichter länger wurden und etliche dachten: »Wat?«

Das geht alles darauf zurück, dass Jesus beim letzten Abendmahl sagte: »Leute, der Wein ist kein Wein. Dit is mein Blut.«
Und die Jünger sagten: »Wuäh.«
»Und dit hier is kein Brot, dit is mein Leib.«
»Wat?«
»Und dit hier ist keine Mayonnaise, dit is …«
»Wir wollen es gar nicht wissen.«
»Na dann, guten Appetit!«
Und die Jünger sahen sich an und fragten sich, ob draußen die Currywurstbude noch auf hatte.

Aus diesem Grund gibt es ja heute immer noch in der Kirche was zu saufen und dann diese unleckeren Hostien, bei denen man sich wünschte, es gäbe etwas Aioli dazu. Das gibt es zwar bei jedem Gottesdienst, aber an Fronleichnam wird daran noch einmal besonders gedacht.

Nun ist es ja so, dass das letzte Abendmahl eigentlich am Donnerstag vor dem Karfreitag stattgefunden hat. Quasi am Gründonnerstag. Die Kirche dachte sich aber, dass es irgendwie uncool ist, wenn man in der eher traurigen Woche, in der man dem toten Jesus gedenkt, eine Feier mit Keksen und Suff macht. Insofern gab es die Überlegung: »Leute, wir können uns nicht mit Hostien und Wein den Bauch vollschlagen, wenn der Jupp am nächsten Tag verreckt ist. Wie wäre es denn, wenn wir das Ganze auf den Donnerstag nach dem Oktav von Pfingsten verlegen?«
»Den wat?«
»Na, nach dem achten Tag von Pfingsten.«
»Was hat denn das eine mit dem anderen …«
»Ist doch Wurscht.«
»Ja, jut. Dann … warum nicht?«

Also beim Kekse knabbern heute dran denken: Das ist der Leib des Herrn und man ist gerade unter die Kannibalen gegangen.

Also: Wohl bekommt’s!

Die Mongolische Navy

Auf meiner Seite habe ich einen anderen Text eingestellt, in dem ich über Schiffsunglücke spreche. Darunter ist unter anderem die Geschichte der mongolischen Seestreitkräfte, die versuchten Japan einzunehmen.

Kleine Rekapitulation: Im frühen 13. Jahrhundert stiegen die Mongolen unter Dschingis Khan zur Großmacht auf. Ihr Schlachtgeschrei »Auf Brüder, sauft Brüder, rauft Brüder, immer wieder« erreichte sogar mal Platz 1 in den deutschen Charts. Wie auch immer … nachdem die Mongolen an Land ziemlich erfolgreich waren, sagte sich der Enkel von Dschingis namens Kublai: »Da draußen sind Inseln, die will ich auch haben.«
Fanden die Japaner nicht so toll, hätten jetzt aber auch nicht so viel dagegen machen können. Glücklicherweise kamen ihnen die Naturgewalten entgegen. Ein Taifun machte fast die ganze Kriegsflotte der Mongolen zunichte, so dass die eine Weile wegblieben.
Nach ein paar Jahren versuchten sie es noch einmal. Mit noch mehr Booten. Und wieder machte ein Sturm alles zunichte. Die Japaner dachten, dass sie vom göttlichen Wind geschützt wurden. Wahrscheinlicher ist, dass die Chinesen, welche die Mongolen unterworfen hatten, ihnen einfach beschissene Boote bauten, die nicht tauglich für die hohe See waren. Und die Chinesen hätten es mit Sicherheit besser gewusst.

Der springende Punkt: Die Mongolei hatte zu einem Zeitpunkt der Geschichte eine der, wenn nicht die größte Seestreitmacht.

Heutzutage sieht das etwas anders aus. Nachdem die Mongolen dazu übergegangen waren, sich lieber wieder gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, statt den Menschen in anderen Ländern, schrumpfte das Gebiet deutlich zusammen. Die Russen und die Chinesen machten dann auch noch ihr Ding. Schaut man sich die heutigen Grenzen der Mongolei an, stellt man fest, dass das Land komplett von Land umgeben ist. Es gibt zwar ein paar Seen im Landesinneren, aber Zugang zum Meer hat die Mongolei nicht. Insofern hält sich der Bedarf an einer mongolischen Marine in Grenzen. Dennoch sahen sich die Russen, welche die Mongolei mal unter Kontrolle hatten, aus irgendeinen Grund dazu veranlasst zu sagen: »Ey, wisst ihr was ihr braucht? Einen Schlepper. Im See. Aus … Gründen.«
Also verpackten sie so ein altes Ding, zogen es quer durch die Steppe zum See mit dem schönen, leicht über die Zunge gehenden Namen »Chöwsgöl Nuur« und, bauten es dort wieder auf. Nur stößt der See heute nicht mal an eine Landesgrenze. Es ist ein Binnensee. Sicher, auf der Liste der größten Seen steht er auf Platz 48, macht ihn aber auch nicht interessanter.

Das Boot? Die »Sukhbaatar III« hat eine Besatzung von sieben Mann und ist das einzige Boot der mongolischen Marine. Und weil das Geld auch recht knapp in dem Staat ist, der hauptsächlich von Agrarwirtschaft lebt, wurde die Marine irgendwann privatisiert. Nun fährt das Schiff gelegentlich mal Touristen über den See. Wenn denn da mal welche hinkommen. Damit ist die mongolische Marine also die kleinste Marine der Welt.

Von einer der größten Seestreitmächte zur kleinsten Marine der Welt: Die Mongolei.