Sebastian Niedlich

Themenfindung für die offene Bühne

Meine Schriftstellerkarriere ist mittlerweile schon ein paar Bücher alt aber irgendwie habe ich noch relativ wenig Lesungen gehalten. Meine Verlage kümmern sich da irgendwie gar nicht drum und mir selbst ist es zu blöd rumzutelefonieren und Leuten auf den Sack zu gehen.

So nach der Art „Laden Sie mich doch mal zu sich ein!“ und die fragen mich „Wer zum Teufel sind Sie überhaupt?“

Aus diesem Grund habe ich eine Agentur, die sich um so etwas kümmern soll. Aber weil ich eben relativ wenig Lesungserfahrung habe, sind die natürlich nervös, dass ich keine 1,5 Stunden auf der Bühne aushalte, um aus meinen Büchern zu lesen. Ich schätze in deren Vorstellung bin ich vielleicht so wie ein Reh im Scheinwerferlicht, bewege mich nicht und starr nur so vor mich hin. Vielleicht haben sie auch Angst, dass ich mich in einen primitiven Vorfahren der Menschen verwandle und dann Fäkalien von der Bühne werfe. Irgendwie sowas.

Die Idee von meiner Leseagentur war nun , dass ich zunächst bei kleineren Open Stage/Open Mic Veranstaltungen mitmache, damit ich Routine bekomme. Ich hab gedacht, okay, kein Problem, kann ich mir ja mal ansehen. Aber die Sache ist die: Irgendwo da aus einem meiner Bücher vorzulesen, macht vermutlich nicht viel Sinn, zumal man da nur so 5-10 Minuten Zeit hat. Das reicht nicht mal für eine der Kurzgeschichten, die ich bisher veröffentlicht habe. Und ansonsten sind das ja gleich ganze Romane. Da jetzt so einen fünf Minuten Abschnitt zu finden…

Also habe ich gedacht, dass ich kleinere Texte schreibe, die ich auf der Bühne vortragen könnte. Aber irgendwie braucht man ja auch ein Thema. Da musste ich erst mal grübeln.

„Hast du eine Idee, was ich da schreiben könnte?“, fragte ich meine Freundin.

„Bist du hier der Schriftsteller oder ich?“, fragte sie und ich war mir nicht ganz sicher, ob sie meinte, mir damit irgendwie geholfen zu haben.

Also fragte ich meine Mutter, die mich noch einmal darauf hinwies, dass ich immer noch nicht so viele Bücher wie Thomas Mann verkauft hatte. Meine Argumentation, dass ich mich in keinster Form mit Thomas Mann vergleichen würde und vielleicht mehr Bücher verkaufen würde, wenn ich ein Thema hätte, über das ich bei einer Lesebühnenveranstaltung sprechen könne, damit die Leute dort dann vielleicht meine Bücher kaufen, wollte sie nicht gelten lassen.

„Du bist doch wieder nur zu faul, dir selbst was auszudenken.“

Also gut, dachte ich. Hilft ja nix. Muss ich wohl wirklich selber nachdenken.

Natürlich könnte ich über ganz alltägliche Dinge sprechen. Dinge, die mir eben so passieren. Das Problem ist lediglich, dass ich als selbstständiger Schriftsteller daheim arbeite. Das Spannendste an manchen Tagen ist das Klingeln des Postboten und die bange Frage „Kriege ich mal wieder selbst ein Päckchen oder soll ich nur was für die Nachbarn annehmen?“. Mein Postbote guckt schon ganz komisch, wenn ich die Tür aufreiße und brülle „ICH WETTE, DAS IST FÜR MICH!“.

Neulich hat mich übrigens ein Nachbar angesprochen, warum er in letzter Zeit immer zur Post gehen muss, um seine Pakete zu holen.

Aber ich schweife ab.

Eigentlich kann man zu bestimmten Themen immer was sagen. Zum Beispiel Politik und Wirtschaft. Das Problem ist nur, dass das Andere viel besser können als ich. Ich kriege eine ganz gute Parodie von Helmut Kohl hin, aber irgendwie bin ich da dreißig Jahre zu spät. Und irgendwie habe ich da auch nicht genug Ahnung von. Ich verwechsele immer die CSU mit der AfD.

Nein, alltägliche Dinge sind wohl etwas, das eher nichts mit den großen Tagesnachrichten zu tun hat, obwohl die auch ein gutes Thema wären, wenn ich es recht überlege. Aber wenn ich mich auf Tagesnachrichten, Politik oder dergleichen verlagern würde, gäbe es auch nur einen kleinen Zeitraum, in dem man damit punkten könnte.

Es muss also was wirklich allgemeines sein, über das ich sprechen könnte. Irgendwas, was immer da ist und immer wieder die gleichen Merkwürdigkeiten hervorbringt. „Das Panoptikum merkwürdiger Gestalten im öffentlichen Nahverkehr“ wäre zum Beispiel ein gutes Thema. Und ein guter Titel. Ich bin 15 Jahre lang täglich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin zur Arbeit gefahren. Wen ich da alles getroffen habe … das würde Telefonbücher füllen.

Apropos Arbeit… Arbeitsplatz ist auch immer gut. Gerade, wenn es ums Büro oder so geht. Das können die meisten Leute nachvollziehen, denn so unterschiedlich die ganzen Bürojobs sind, also ob man Journalist, Rechtsanwaltsgehilfin oder Programmierer ist: Irgendwie passieren in Büros immer ähnlich nachvollziehbare merkwürdige Dinge. Irgendwer beschwert sich immer, dass die Spülmaschine nicht ausgeräumt oder der Kaffee mal wieder alle ist. Oder kommt aus dem Klo und fragt, ob da eine eingemauerte Leiche in der Wand verfault oder das einfach so riechen muss. Irgendwie kriegt man doch da eine lustige Geschichte zusammen, denke ich.

Geschichten über die bessere Hälfte gehen eigentlich auch immer, schätze ich. Gut, je nachdem was ich erzähle, müsste ich gegebenfalls auf der Couch schlafen oder die Wunde vom Nudelholz behandeln lassen, aber so grundsätzlich…

Natürlich wären auch ganz andere Themen denkbar. Irgendwas, wo jetzt nicht jeder drauf kommen würde. So ganz persönliche Sachen. Zum Beispiel welche Kosenamen ich meinen ganzen Organen gegeben habe. Aber ob das die Zuschauer interessiert? „Die Geschichte von Milzi“. Na ja.

Wenn ich es mir recht überlege, wären auch geisteswissenschaftliche Themen denkbar. „Der menschliche Verstand und andere schwarze Löcher“ zum Beispiel. Da könnte man ganz philosophisch werden und mal ganz tief in die Psychosen von Otto Normalschriftsteller eintauchen. Vielleicht das Ganze auch mit etwas Physik aufpeppen, weil ich mal in einem Artikel in einer Zeitschrift darüber gelesen habe und jetzt denke, dass ich im Grunde ein verkappter Nobelpreisträger bin. Also für Physik, nicht Literatur.

Geschichte ist auch ein gutes Thema. Interessiert mich auch. Wobei ich da eher so für ganz alte Geschichte bin. Also Ägypter, Griechen, Römer. Die neuere Geschichte ist da auch irgendwie ausgelutscht. Hitler und Konsorten. Mag ja keiner mehr hören. Geht dann auch schon wieder zu sehr in Richtung der Politik. Nein, mehr so nette Anekdoten aus dem Bereich der Geschichte. Wie zum Beispiel die Eroberung der niederländischen Flotte bei Den Helder durch die Kavallerie. Kavallerie, also Pferde, haben Schiffe erobert.

Ver-rückt.

Dschingis Khan wäre auch ein Thema. Der hat zu seiner Zeit fast 10% der Weltbevölkerung ausgerottet.

Nicht unbedingt das lustigste Thema, wenn ich jetzt so darüber nachdenke.

Andererseits stammen heute noch gut 0.5% der Weltbevölkerung direkt von ihm ab. Das finde ich schon wieder irgendwie lustig.

Vielleicht denke ich auch in die ganz falsche Richtung. Vielleicht wäre ja was ganz Abstruses viel besser. So etwas wie „Igel taugen nicht als Baseball“. Oder „Böse Küchenmaschinen“. Oder „Sportarten mit Waffen sind interessanter“.

Ich hab da neulich mal mit einem Freund drüber gesprochen. Also darüber, welche Sportarten mit Waffen interessanter wären. Er war ja der Meinung, dass man den Biathlon nur erfunden habe, weil Skilanglauf so langweilig ist. Danach haben wir eine Liste mit Sportarten erstellt, die man sich vielleicht eher ansehen würde, wenn die zusätzlich eine Komponente hätten, wo auf irgendwas geschossen werden muss. Die Liste enthielt zum Beispiel:
Rhythmische Sportgymnastik
Dressurreiten
Curling
Diskuswurf
Weitsprung
Synchronschwimmen
Golf
Yoga
Sumoringen oder Ringen im allgemeinen
Rhönradfahren

Aber wie sollte ich daraus jetzt noch einen Text machen? Ich glaube, ich muss darüber noch mal genau nachdenken.

Nützliche Hinweise zum Erkennen von Verschwörungsgeschwurbel

In diesen merkwürdigen Zeiten, in denen munter irgendwelche »Theorien« verbreitet werden, die gerne mal als »alternative Meinung« deklariert werden, wollte ich doch allen mal etwas unter die Arme greifen und eine nützliche Checkliste machen, anhand der man erkennen kann, ob es sich bei etwas um Verschwörungsgeschwurbel handelt oder nicht.

  1. »Der gesunde Menschenverstand«
    Dieser schwer zu fassende und zu findende Begriff bezeichnet das, was Menschen normalerweise haben, um abzuwägen, was für eine Entscheidung sie treffen. Schon in Nicht-Virus-Zeiten stark rückgehend, wird er momentan selten eingesetzt. Dabei ist es so ein hilfreiches Werkzeug!
    Der gesunde Menschenverstand ist z.B. das, was uns sagt, dass wir uns in der vollen Badewanne nicht föhnen sollten, weil wir schon mal gehört haben, dass Elektrizität und Wasser keine großen Freunde sind. Wenn wir also irgendeine Information von jemandem bekommen, dann kann man schon mal zwei Sekunden investieren und kurz darüber nachgrübeln, ob da Gesagte/Geschriebene/Gestreamte sinnvoll ist.
    »Rohrreiniger töten Viren ab und sorgen dafür, dass es ordentlich flutscht, also sollte man sich davon mal ein Gläschen hinter die Binde kippen. Und hinterher ne Limette lutschen!«
    Klingt erstmal okay, aber wenn man mal zwei Sekunden oder weniger drüber nachdenkt, dann merkt man vielleicht: »Mensch, wenn ich mir so Zeug hinterkippe, wo auf den Flaschen alle möglichen Warnhinweise draufstehen, geht’s mir vielleicht hinterher nicht mehr gut!«
    Also: Erstmal kurz nachdenken.
  2. »Was ist die Quelle?«
    Beispiel: »Der Onkel der Freundin meines Schwippschwagers hat ne Tante, die mal im Krankenhaus gearbeitet hat, die sagt, dass man Masken nur ganz kurz tragen darf, sonst atmet man zuviel CO2 ein und fällt um.«
    Das Obige ist ein Beispiel für eine schlechte Quelle. Sie ist diffus. Gute Quellen sind Personen oder Institutionen, die direkt mit einem bestimmten Thema zu tun haben oder die klassischen Nachrichtenquellen, bei denen man davon ausgehen, dass sie ihre Fakten vorher überprüft haben. Beispiele: Der Spiegel, die Zeit, die Süddeutsche Zeitung, Tagesschau, heute und viele weitere, die ihre Meldungen auf Basis von journalistischen Recherchen publizieren und dafür z.T. schon internationale Preise bekommen haben.
    Schlechte Quellen sind z.B. irgendwelche ehemaligen Journalisten auf YouTube, die mal aus dem Job geflogen sind, weil sie antisemitischen Kram in die Welt gestreut haben. Oder Finanzexperten, die versuchen eine Statistik zu interpretieren und dabei gleich mehrere Fakten außer acht lassen, um z.B. fallende Ansteckungszahlen in den korrekten Zusammenhang zu setzen. Oder Webseiten, die auch in der Vergangenheit schon fragwürdige oder rechtsextremistische Dinge geteilt haben, wobei das beides oft Hand in Hand geht.
    Das erste Beispiel unter diesem Punkt ist übrigens auch gut für Punkt 1 anwendbar. Der gesunde Menschenverstand sagt uns: »Moment mal, wenn Masken dafür sorgen würden, dass wir zuviel CO2 einatmen und dann umfallen, warum tun das dann die ganzen Ärzte und Helfer bei einer OP nicht?«
  3. »Wie wird mir die Information präsentiert?«
    Wir wissen es schon seit Jahr und Tag: Besonders gut recherchierte und durchdachte Beiträge, die einem Faktencheck standhalten, werden von denen, die sie verbreiten, möglichst brüllend und sich echauffierend vorgetragen. Bei schriftlichen Meldungen ist der ausgiebige Gebrauch von Ausrufezeichen oftmals ein Qualitätsmerkmal. Also quasi genau so, wie wir es z.B. von einem Nachrichtensprecher erwarten würden. (Falls das nicht klar war: Alles eben Geschriebene war ironisch gemeint.)
  4. »Wird in der Information ein Aufruf als Meinung versteckt präsentiert?«
    Beispiel: »Ein Typ, den ich mal bei einem Naziaufmarsch getroffen habe, ist Politiker und sagt, dass George Soros alles unter Kontrolle hat, deswegen müssen wir alle Juden einsperren!«
    Falschinformationen und Geschwurbel kommen oftmals im Gewand der »persönlichen Meinung« daher. Wer etwas dagegen sagt, wird gerne als Person bezeichnet, der anderen die Meinungsfreiheit nehmen will. Aufrufe zu illegalen Taten, Antisemitismus, Aufständen oder Tätigkeiten, die anderen Leuten schaden können, sind aber keine Meinung.
    Eine Meinung ist z.B., wenn man sagt: »Ich finde Merkel doof. Ich kann die aus diesen und jenen Gründen nicht leiden.« Darauf kann man »Okay, wenn du meinst« antworten. Oder »Ja, die Gründe kommen mir stichhaltig vor.« Oder »Wat? Nee, ich finde die voll tuffig und super.«
    Ein Aufruf ist z.B. »Merkel muss weg! Die sollte mal jemand erschießen!« Damit vertritt man keine Meinung, sondern ruft zu einer illegalen Tat auf.
    Und wenn jemand zum Putsch an der Regierung mit Waffengewalt aufruft, weil man eine Gesetzesrichtlinie nicht richtig gelesen hat und man fürchtet, man wird zwangsgeimpft, dann ist das halt eben das: Ein Aufruf und keine Meinung.
  5. »Behauptungen und keine Fakten«
    Beispiel: »Angela Merkel ist der Sohn vom Hitler« oder »COVID-19 ist nur eine Grippe«.
    Man kann solche Sätze sagen, aber wenn man die nicht durch nachvollziehbare Fakten untermauert, bleiben sie halt wilde Behauptungen, die – wenn man mal vorurteilsfrei schaut – falsch zu sein scheinen. Angela Merkel ist neun Jahre nach Hitlers Tod geboren und ganz offensichtlich eine Frau. COVID-19 ist ganz offensichtlich wesentlich ansteckender und tödlicher als eine normale Grippe. Man weiß zwar noch nicht alles darüber, aber die buchstäblichen Leichenberge in manchen Ländern sagen eben etwas anderes als diese Behauptung.
  6. »Die Rede ist von Verschwörung«
    Ganz ehrlich: Wenn irgendwer von einer Verschwörung oder »von denen gesteuert« oder »im Hintergrund die Fäden ziehen« spricht, sollten in der Regel bei einem die Warnglocken angehen. Gerade wenn man sich in letzter Zeit die Menschheit anschaut, sollte man eigentlich mitbekommen haben, dass der Großteil zu doof dazu ist, überhaupt an einer Verschwörung mitzuwirken. Ausnahme: Wenn die US-Regierung irgendwie daran beteiligt ist. Die Vergangenheit zeigt leider zu deutlich, dass da viel zu oft Verschwörungen im Gange waren. Aber selbst dort gibt es dann Whistleblower oder irgendwen, der sich verquatscht.
    Verschwörungen funktionieren in der Regel im kleinen Kreis, denn je mehr Leute daran beteiligt sind, umso wahrscheinlicher dringt etwas nach draußen. Die Vorstellung, dass es eine weltweite Verschwörung gibt – egal um was es dabei geht – ist also mehr als fragwürdig.

Deswegen:
Nein, Chemtrails sind Quatsch.
Nein, QAnon ist Quatsch.
Nein, COVID-19 ist keine Erfindung von Bill Gates, um uns alle zu chippen und dann … ja was eigentlich?
Und, nein, Merkel ist nicht Hitlers Sohn.

Geldwechsel

Meine Frau und ich waren vor kurzem auf dem Trödelmarkt und haben vor es demnächst noch einmal zu tun. Aus diesem Grund brauchen wir viel Kleingeld, um wechseln zu können. Deswegen bin ich also heute zur Bank.

Früher hat man das so gemacht:
Zur Bank gegangen, gesagt: »Leute, ich will diesen 20-Mark-Schein in Zwei-Mark-Stücken ausgezahlt haben und den 10er hier in Eine-Mark-Stücken.«
Die Bank: »Allet klar. Hier haste.«

Heute ist das etwas anders.
Ich: »Ich hätte gerne diesen 20-Euro-Schein in Zwei-Euro-Stücken ausbezahlt und diesen 10-Euro-Schein in Ein-Euro-Stücken.«
Bank: »Ja, sind sie denn Kunde bei uns.«
»Ja.«
»Kann ich die Karte mal sehen.«
»Hier bitte.«
»Also die Zwei-Euro-Stücke hätte ich, aber nicht die Ein-Euro-Stücke.«
»Wat?«
»Na ja, wir haben doch kein Geld mehr.«
»Ich dachte, sie wären eine Bank.«
»So einfach ist das auch wieder nicht.«
»Nicht?«
Die Frau schüttelt den Kopf.
»Hat denn vielleicht die andere Filiale Geld, damit ich da wechseln kann?«
»Kann schon sein.«
»Ach?«
Die Frau von der Bank zählt mir zehn Zwei-Euro-Stücke ab. Ich halte ihr schon ein Glas hin, in das die Stücke reingeschüttet werden können.
»Nee, die kann ich ihnen so nicht geben«, sagt sie.
»Wat?«, frage ich.
»Nehmen sie mal diese Karte und gehen sie an den Einzahlautomaten. Einfach die Karte reinstecken, dann das Geld in das Fach legen und dann kommen sie wieder her.«
Ich mache das, was sie sagt, greife mir die Quittung und gehe wieder an den Schalter, wo mittlerweile eine Frau steht, die schon zwanzig Minuten braucht, um sich die Schuhe zuzubinden.
Als ich wieder dran bin, reiche ich die Quittung rüber und die Frau zählt noch einmal die zehn Zwei-Euro-Stücke ab und schüttet sie dann ins Glas.
»Die andere Filiale hat übrigens noch genug Kleingeld.«
»Oh, schön. Danke.«

Ich gehe also hinaus und fahre zur anderen Filiale.
»Ich hätte gerne diesen Zehn-Euro-Schein in zehn Ein-Euro-Münzen gewechselt.«
»Ja, so einfach ist das nicht.«
»Ach, was?«
»Sind sie denn Kunde bei uns.«
»Ja. Hier ist meine Karte.«
»Dann gehen sie doch erstmal an den Einzahlautomaten und zahlen das auf ihr Konto ein. Dann kommen sie wieder her.«
»In der anderen Filiale hat man mir eine andere Karte gegeben und dann …«
»Nee, wir machen das mal so.«
»Okay.«
Ich tue, was sie gesagt hat. Dummerweise steht eine ältere Dame mit Hörgerät am Automaten, für die Technik offenbar ein Fremdwort ist und das, was sie dort tun will, dreimal neu anfängt. Auf meine Fragen, ob ich ihr irgendwie helfen könnte, geht sie nicht ein, weil sie sie vermutlich nicht hört. Dann zahle ich endlich das Geld ein und gehe zurück zum Schalter.
»Gut, dann geben sie mal die Karte her«, sagt die Bankdame und ich gebe sie ihr. Sie tippt irgendwas am Rechner. »Nee, das ist ja blöd.«
»Was denn?«
»So würden sie 2,50 Euro Gebühren zahlen.«
»Wat?«
»Ich nehme das mal raus.«
»Ja, bitte.«
»Wissen sie was?«
»Offensichtlich nicht mehr.«
»Wie bitte?«
»Schon gut.«
»Ich hab das jetzt hier eingegeben. Jetzt können sie noch einmal an den Einzahlautomaten gehen und die Karte reinstecken, dann kommt das als Münzen heraus.«
»Und nicht als Brotscheiben.«
»Wie bitte?«
»Nichts. Schon gut. Ist ja schön, dass das so unkompliziert ging.«
Die Frau schaut mich komisch an, vermutlich weil sie meinen sarkastischen Unterton wahrgenommen hat. Jedenfalls kriege ich die Münzen schließlich am Automaten und habe schon nach zwei Bankfilialen, fünf Kilometer Fahrt auf dem Roller und einer Stunde Zeit dreißig Euro in Kleingeld gewechselt bekommen.

Napoléons Körpergröße

Eines der gebräuchlichsten geschichtlichen Missverständnisse ist die Körpergröße von Napoléon Bonaparte.

Die Briten machten sich damals über ihn lustig, weil sie bei französischen Angaben seiner Höhe fälschlicherweise von ihren eigenen Längeneinheiten ausgingen, welche sich von denen der Franzosen deutlich unterschieden. So war Napoléon nicht nur etwas über 1,50m groß, wie die Briten damals glaubten, sondern maß knapp 30 Meter. Ohne Schuhe. Die wurden ihm ja auch explizit aus Elefantenleder hergestellt, weil sonst kein Tier so viel Material hergab.

Seine außergewöhnliche Körpergröße trug dazu bei, dass die französische Armee praktisch ganz Europa einnahm. Im Grunde lief er immer vorneweg und alle anderen Armeen flohen in panischer Angst, weil sie dachten: »Verdammt, das ist ja wie bei King Kong oder Godzilla!«
Wahrscheinlich spuckte Napoléon auch Feuer. Könnte sein.

Allein der Körpergröße wegen hatte auch nie jemand seinen Thronanspruch angefochten. Was hätten die auch sagen sollen? »Du, du, du!«, mitsamt erhobener Faust? Napoléon hätte seine Gegner einfach zertreten. Buchstäblich.

Eigentlich wollte Napoléon auch durch den Kanal waten und England einnehmen, aber das Wasser ging ihm bis zum Hals und weil er nicht schwimmen konnte, ließ er es dann sein.

Was? Warum Napoléon dann auf Bildern aussieht, als hätte er eine normale Körpergröße? Propaganda. Er wollte ja nicht, dass alle Angst vor ihm haben. Also daheim. In anderen Ländern natürlich schon. Aber darauf gehen die Geschichtslehrer nicht gern ein. »Schwachsinn!«, hat meiner damals gesagt und mir eine schlechte Note gegeben, dabei habe ich die Körpergröße selber ausgerechnet! Mein Mathelehrer hat damals auch gesagt: »So funktioniert das nicht. Hast du denn gar nichts gelernt?«, und mir ebenfalls eine schlechte Note gegeben. Die wollten einfach nur die Wahrheit verschleiern. Ganz bestimmt.

Beeren

»Was wollen wir denn am Wochenende zum Musikabend mitbringen?«
Ich zucke mit den Schultern, weil ich, was mitgebrachtes Essen angeht, so kreativ wie eine Straßenlaterne bin.
»Vielleicht machen wir einfach einen schönen, frischen Salat. Mit Tomate und Paprika«, sagt meine Frau.
»Und Auberginen?«
»Weiß nicht. Ja, vielleicht.«
»Und Avocados?«
»Die mag ich nicht. Weißt du doch.«
»Aber so hätte man einen schönen Beerensalat haben können.«
»Wat?«
»Beerensalat.«
»Ich hab dich akustisch schon verstanden, ich weiß nur nicht wovon du redest.«
»Tomaten, Paprika, Auberginen und Avocados sind alles Beeren.«
Meine Frau rollt mit den Augen.
»Echt jetzt«, sage ich.
»Das mag ja sein, aber deswegen ist es kein Beerensalat. Ein Beerensalat wäre so etwas wie rote Grütze, mit Himbeeren, Brombeeren … und Kirschen oder Erdbeeren.«
»Erdbeeren sind keine Beeren.«
»Hast du wieder irgendeinen Wikipedia-Artikel gelesen und willst jetzt damit angeben, was du gelernt hast?«
»Vielleicht …«
Meine Frau seufzt. »Ich bin ganz Ohr.«
»Erdbeeren, Brombeeren, Himbeeren und Holunderbeeren sind keine Beeren im botanischen Sinn.«
»Stattdessen gehören sie zu den Nestflüchtern?«
»Erdbeeren sind eine Sammelnussfrucht.«
»Was auch immer das heißen mag.«
»Weißt du was stattdessen eine Beere ist?«
»Toastbrot?«
»Fast. Bananen, Zitronen, Orangen und Melonen. Und halt Nachtschattengewächse wie Tomaten, Paprika, Auberginen und Avocados.«
»Schmeckt trotzdem nicht, wenn man es zusammenmischt.«
»Ja, schon, aber …«
»Was bringen wir denn nun am Wochenende mit?«
»Einen Salat. Mit ein paar Beeren drin?«
»Aber ohne Sammelnussfrüchte.«

Das Märchen von der EU und dem Brexit

Es war einmal vor langer Zeit, da gab es in einem Haus mehrere Mietparteien. Hin und wieder stritten die sich etwas untereinander und dann sprachen sie eine ganze Weile nicht mehr, weil einer die Wohnung des anderen verwüstet hatte und umgekehrt. Gerade Familie Deutsch, die irgendwie in der Mitte all der Wohnungen lag, hatte da immer schlimm mitgemischt und die anderen fanden, dass die sich mal am Riemen reißen sollten. Aus diesem Grund hatte man auch die Wohnung der Familie Deutsch in zwei Wohnungen aufgeteilt, weil man dachte: »Also wenn die zusammen sind, dann haben die nur Flausen im Kopf.«
Familie Deutsch hatte das auch eingesehen und gelobte Besserung, weil sie beim letzten Mal echt deutlich über die Stränge geschlagen hatte.

Draußen, etwas abseits auf dem Hof, gab es noch zwei kleine Wohnungen. Die beiden Familien Irish und Brits hatten öfter Probleme, weil nicht ganz klar war, wem ein bestimmtes Zimmer gehörte. Die Familie Irish meinte, dass es bei ihnen in der Wohnung lag, die Brits sagten aber, dass es schon immer Teil ihrer Wohnung war. Aber dazu später mehr.

Der eine Teil der Familie Deutsch und die Familie France, die früher wirklich oft miteinander gestritten hatten, sagten irgendwann: »Mensch, eigentlich wollen wir uns ja nicht mehr streiten und sind irgendwie Besties. Lass uns doch alles zusammen machen und entscheiden, dann liegen wir uns auch nie wieder in den Haaren.«
Ein paar andere Familien aus dem Haus dachten: »Mensch, was für eine schöne Idee. Wenn wir alles zusammenmachen, gibt es weniger Streit. Außerdem können wir gegenüber den anderen Häusern in der Straße geschlossener auftreten und werden nicht mehr so hin und her geschubst, denn die Familien States und Sowjetskich versuchen uns ja andauernd in ihren Streit hineinzuziehen. Mit den riesigen Kanonen in ihren Vorgärten, passiert uns nämlich bestimmt auch was, wenn die sich mal richtig in die Wolle kriegen.«
Die Familie Sowjetskich hatte außerdem den östlichen Teil der Familie Deutsch unter Kontrolle, die über den Rest der Familie, der in der westlichen Hälfte der Wohnung lebte, dachte: »Mann, bei denen läuft es irgendwie besser.«
Egal.

Im Endeffekt trafen sich die Familien France, Deutsch, Belgie, Italia und Nederland in der Wohnung der Italias und unterschrieben einen Vertrag, in dem sie sagten, dass sie gemeinsam einkaufen gehen und sich einen gemeinsamen Stromanbieter suchen wollen. »Wir nennen uns jetzt EWG!«, sagten alle, hoben ihre Daumen und fanden es tuffig und super.
Die Familie Brits hätte eigentlich auch mitmachen können, aber die rümpften zunächst die Nase über die Pläne, immerhin hatte ihnen mal fast die ganze Straße gehört und jetzt wollte man sich nicht einfach irgendwie einordnen. Aber nachdem die Familie sah, wie gut es den anderen in der EWG ging, überlegten sie es sich noch einmal anders.
»Ey, wir wollen auch mitmachen!«, sagten die Brits, aber Familie France rümpfte die Nase: »Ick weiß nich, die machen vermutlich mehr Ärger, als dass sie helfen.« Familie France sollte irgendwie recht behalten, aber hinterher weiß man ja immer mehr.

Die Familien in der EWG unterstützen sich gegenseitig. Man schmiss Geld in einen Topf, ging ordentlich einkaufen und so hatte jeder immer was davon. Die Kühlschränke bei allen Mitgliedern waren voll und wenn es irgendwem mal an irgendwas mangelte, weil irgendwas kaputt ging oder er sich gerade kein Brot leisten konnte, dann teilte man miteinander. Strom gab es auch und alle waren nett zueinander. Einige Nachbarn wurden deswegen neidisch auf den Zusammenschluss.
»Ey, können wir vielleicht auch mitmachen?«, fragten die Familien Irish, Norge, Danmark und erneut die Familie Brits.
»Hm, na gut«, sagten die Familien in der EWG, aber das Familienoberhaupt der Norges fragte vorher noch mal in der eigenen Mischpoke, ob das so okay war. Überraschenderweise sagte die aber: »Nee. Wir haben doch viel mehr Wohlstand als die. Nachher kriegen wir nicht mehr unseren guten Lachs oder so oder zahlen mehr als die anderen. Doofe Idee.«
Auch der Familienvorstand der Brits fragte noch einmal nach. Dort sagte die Sippe ausdrücklich: »Au ja!«
Selbst Familie France hatte diesmal nichts dagegen einzuwenden, obwohl die Brits verlangten, dass sie nicht ganz so viel in den gemeinsamen Topf einzahlen, wie sie eigentlich hätten sollen. Man rollte kurz mit den Augen und sagte dann: »Ja, jut, wenn ihr meint.«
Die Familie Irish hatte nicht viel zu bieten, insofern waren alle etwas skeptisch, aber im Endeffekt sagten alle in der EWG: »Ach, komm, hier haste ne Kartoffel.«
Danmark war zwar eigentlich eine kleine Familie, hatte aber ein paar Straßen weiter noch ein paar angeheiratete Angehörige, die zwar nicht zahlreich waren, aber ein riesiges Haus hatten, welches sie nicht richtig heizen konnten. Die besagte Familie, die den Namen Nunaat hatte, hielt von der großen Gemeinschaft nicht viel. Sie kamen gut alleine klar und brauchten auch nicht viel, vor allem keine Leute, die sich noch an ihrem Fisch bedienen wollten. Also verabschiedeten sie sich bald wieder und machten ihr eigenes Ding. Danmark selbst hatte aber auch genug Geld, dass der Rest der EWG sagte: »Nee, du bist cool.«

Ein paar der Familien der Hausgemeinschaft, die noch nicht beigetreten waren und vor allem im unteren Teil des Hauses wohnten, fragten nach einer Weile: »Wat is denn mit uns? Können wir auch mitmachen?«
Familie Hellas, die irgendwie mehr damit beschäftigt war Metaxa zu saufen, als irgendwas mal anständig durchzuziehen, nahm man auf, auch wenn einige der bisherigen Mitglieder dachten: »Weiß nicht, ob dein Streit mit den Türkiyes aus dem Nachbarhaus da wirklich hilft.«
Familie Espana wollte auch gerne beitreten, aber da das Familienoberhaupt seine Familie andauernd schlug, sagten die anderen Mietparteien. »Nee, du, lass ma.«
Kurz darauf, nachdem der Vater bei den Espanas den Löffel abgegeben hatte, fing die Familie an, sich zusammenzureißen, und dann ließ man sie ebenfalls mitmachen.
Familie Portuguesa holte man ebenfalls ins Boot, denn warum auch nicht. Die waren ja nett und hatten zumindest ihre eigene Familie nicht gehauen.
Kurz darauf fragten auch die Sippe der Marokkos aus dem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite an, ob sie nicht mitmachen könnte, aber alle in der EWG schauten sich an und sagten: »Wat? Wat willst du denn? Du wohnst ja nicht mal bei uns im Haus!«
Familie Türkiye, deren Keller irgendwie mit ins Haus reichte, wurde zwar auch abgewiesen, aber man sagte ihr, dass man ja später noch mal schauen konnte.

In dieser Zeit begann es bei der Familie Sowjetskich zu krieseln. Was vorher eine große Familie war, zerbrach nun in mehrere kleinere Familien. Die alle hatten unter sich so viel miteinander zu tun, dass der Einfluss, den sie auf einige der Familien im Haus, in dem die EWG war, hatten, zerfiel. Die Familie Deutsch riss endlich die Trennwand nieder, welche die Wohnung gespalten hatte, und war nun wieder eine große Familie. Und auch ein paar andere Familien, wie z.B. Familie Polska, Eesti und Latvija mussten nun nicht mehr darauf hören, was Familie Sowjetskich zu sagen hatte.
Sicher, die Sippen der Brits und Frances wussten nicht so recht, ob Familie Deutsch jetzt wieder anfangen würde, sich bescheuert aufzuführen, aber glücklichweise blieb das aus. Familie Deutsch wollte weiter mit der EWG machen. Und noch viel mehr.
Mittlerweile dachten auch Familie Austria, Sverige und Suomi: »Mensch, Leute, wir sind dabei.«
Der Familienvorstand der Norges meinte: »Ich glaube, wir machen jetzt auch mal mit«, aber seine Familie sagte: »Nee, immer noch nicht.«

Und dann hatte man in der EWG eine tolle Idee: »Sagt mal, wat is denn, wenn wir in Zukunft alle unter uns die Türen auflassen. Dann kann jeder jeden besuchen und wir müssen nicht erst klingeln oder zur Tür gehen, wenn da jemand steht. Also quasi nur wenn jemand an der Haustür steht, muss man mal schauen, wer dit is, aber ansonsten nich.«
Und alle so: »Mensch, die Idee ist echt dufte.«
Selbst Familie Helvetia, die ansonsten alles verschlafen hatte und an nichts teilnahm, sagte: »Yo, find ick jut.« Und auch die Norges sagten: »Ja, jut, wenn wir sonst nicht mitmachen müssen …«
Nur die Irishs und die Brits sagten: »Nee, also wissen wa nich so recht.«
Der Rest im Haus sagte: »Schade, aber streiten wir uns nicht drüber. Ihr seid ja eh da draußen irgendwo unter euch.«

Schließlich sagte man sich in der EWG auch: »Also diese ganze Umrechnerei zwischen unseren Wohnungen, wer was wie bezahlt, ist auch zu kompliziert. Vielleicht sollten wir alle zusammen in einer Währung rechnen, dann macht sich das alles einfacher. Außerdem fühlen wir uns dann alle noch mehr zusammengehörig, wenn wir alle die gleiche Währung haben.«
Und alle sagten energisch: »Yo!«
Außer Familie Danmark und die Brits. Die waren der Meinung, dass ihr Geld irgendwie besser als das andere Geld wäre.
»Unsere Familie ist schon so alt und das hat Tradition bei uns«, sagten die Brits. »Also machen wir da nicht mit.«
Alle im Haus rollten etwas mit den Augen, weil die Brits schon wieder eine Extrawurst haben wollten, aber dann dachten sie: »Ja, was soll’s, die sind ein wenig merkwürdig. Wahrscheinlich liegt das an dem komischen Essen.«
Das galt wohl für beide Familien, denn die Danmarks hatten auch immer diese komische rote Wurst. Aber egal.

Nach einiger Zeit kamen noch einmal etliche Familien aus dem Haus dazu und einige andere fragten, ob sie nicht auch mitmachen könnten.
Dummerweise hatte Familie Hellas aber ein Problem. Die hatten ordentlich Geld ausgegeben, obwohl nur ein Teil der Familie wirklich etwas verdiente.
»Aber wieso? Das geht doch alles auf Kreditkarte?«, sagte Familie Hellas und die anderen Familien patschten sich an den Kopf und sagten: »Leute, aber auch das müsst ihr irgendwann bezahlen?«
»Ach so?«
»Ja, schon.«
»Manno.«
Da haben sich dann alle Familien im Haus zusammengesetzt und gesagt: »Na jut, wir werden euch etwas mit Geld aushelfen, aber dafür müsst ihr natürlich auch etwas für uns tun und dafür sorgen, dass ihr alle wieder nen Job habt, ja?«
»Sicher«, sagte Familie Hellas und trank zunächst mal einen Metaxa.
»Ernsthaft«, sagte der Rest. »Wir geben euch nix, wenn ihr nur rumsitzt und sauft.«
»Ja, okay«, sagte Familie Hellas und hörte mit dem Saufen auf.

Aber nicht alle Personen in den jeweiligen Familien im Haus fanden es toll, dass man der Familie Hellas Geld geben wollte. Manche meinten: »Ey, das Geld könnten wir auch für uns selbst ausgeben!«
»Ja«, sagten die, denen etwas an der Gemeinschaft gelegen war, »aber wir haben ja damals gesagt, dass wir uns alle gegenseitig unterstützen. Wenn wir das gleich bei der ersten Krise über Bord werfen, dann hat das Ganze ja keinen Sinn, oder?«
»Na ja, vielleicht macht das Ganze ja keinen Sinn«, sagten ein paar Personen in den jeweiligen Familien. »Unsere eigenen Familien haben ja auch Sorgen.«
»Ja, aber schaut doch mal«, sagten die, die die Gemeinschaft nicht gleich aufgeben wollten, »wir machen alles gemeinsam, sparen total viel, weil wir gemeinsam einkaufen, wenn mal was ist, greifen wir uns gegenseitig unter die Arme und gestritten haben wir uns auch ganz lange nicht mehr. Jeder kann jeden besuchen und irgendwie ist es doch so, als wären wir alle eine große Familie. Außerdem, wenn wir es mit den anderen Familien aus der Straße zu tun haben, reden die gleich ganz anders mit uns, weil sie wissen, dass wir alle zusammenstehen.«

Eigentlich waren das Argumente, die alle überzeugten, aber gerade bei den Brits gab es ein paar, die dachten: »Weiß nich, früher war alles besser.«
»Wat meinst du?«, fragten andere. »Zu der Zeit, als uns noch die ganze Straße gehört hat und wir uns wie Arschlöcher aufgeführt haben?«
»Ja, genau.«
»Ach so. Ja, hm.«
»Ich glaube, wir sollten bei diesem ganzen Quatsch nicht mehr mitmachen.«
»Aber neulich hat uns die Gemeinschaft erst ne Mikrowelle bezahlt und ein paar von den Leuten helfen bei uns in der Wohnung aus. Also, ein paar von uns Brits wissen ja nicht mal, wie man ein Pflaster klebt.«
»Aber in letzter Zeit kommen so viele Leute von außerhalb des Hauses, weil sie hier unterkommen wollen. Ich meine, deren Haus auf der anderen Straßenseite brennt, es wohnen ein paar Mörder in dem Haus, ein paar der Familien können schon untereinander nicht miteinander und wir haben denen auch noch das Essen geklaut, aber eigentlich ist es doch total super da bei denen, oder? Hier haben die doch eigentlich nichts zu suchen, richtig?«
»Mensch, die würden sogar in der Badewanne wohnen. So schlimm ist das doch nicht. Außerdem helfen die anderen Familien ja auch. Familie Deutsch hat ja auch welche unterbringen können und es nicht mal gemerkt.«
»Und wenn ich nachts schlafen will, bringen die mich bestimmt um.«
»Wat?«
»Ja.«
»Nee.«
»Na, ich weiß nicht.«
»Warum sollten die das denn tun?«
»Na, da wohnen doch Mörder bei denen im Haus.«
»Vor denen rennen sie doch aber weg.«
»Dann sind die bestimmt auch Mörder.«
»Wat? Wo ist denn da die Logik?«
»Außerdem fressen die uns den ganzen Kühlschrank leer.«
»Hast du mal in den Kühlschrank geschaut? Der ist so voll, dass wir zum Teil Zeug wegschmeißen müssen, weil wir es nicht schnell genug weggegessen kriegen. Halb so wild.«
Ein paar Jungen aus der Familie Brits, Boris und Nigel, die schon in der Vergangenheit öfter mal Mist gebaut hatten, riefen nun andauernd dazwischen: »Wir wollen raus! Wir wollen raus!«
»Kämm dir erst mal die Haare«, sagten manche aus der Familie zu Boris, aber der wollte nicht hören.
Stattdessen erfanden er und Nigel lauter Lügen, die sie in der Familie herumerzählten: »Wir schicken wöchentlich 350 Pfund unseres Geldes an die anderen Familien, dabei könnten wir uns damit Pflaster kaufen.«
»Ist doch völliger Blödsinn«, argumentierten manche, aber etliche in der Verwandtschaft, die in der Schule nie so richtig aufgepasst hatten, sagten: »Ach?«
»Wir sollten darüber abstimmen, ob wir weiter in der Gemeinschaft sein wollen oder nicht.«
»Genau! Das ist nämlich doof!«, riefen viele und andere, also die, die mal kurz darüber nachdachten, was ihnen die Gemeinschaft eigentlich brachte, sagten: »Aber wir haben ja im Grunde mehr Vorteile als Nachteile dadurch.«
»Nee, stimmt ja gar nicht. Wir könnten wieder so ein Riesenarschloch wie früher sein!«, sagten Boris und Nigel und stolperten über ihre eigenen Schnürsenkel.

Also stimmte die Familie Brits ab und es stellte sich heraus, dass die meisten von ihnen raus wollten. Das Familienoberhaupt, Papa David, sagte daraufhin: »Äh, lasst mich damit in Ruhe. Ich bin weg. Mach du das mal, Mama Theresa.«
Und Theresa sagte: »Ey, ich wollte doch aber weitermachen!«
»Ja, das kannste ja jetzt der Gemeinschaft erklären.«
Also ging sie zur Gemeinschaft und sagte: »Leute, wir machen nicht mehr bei euch mit.«
Und die anderen Familien im Haus sagten: »Ja, schade. Doof für euch, aber wenn ihr meint …«
»Wir müssten dann noch verhandeln, wie das Ganze laufen soll«, sagte Theresa.
Und die Familien sagten: »Ja, mach doch einen Vorschlag.«
Und Theresa sagte: »Ja, also eigentlich soll alles so bleiben wie bisher, aber wir zahlen einfach nix mehr.«
Und alle anderen im Haus sagten: »Du hast sie ja wohl nicht alle.«
Da meinte Theresa: »Hm, das wird ja schwieriger als gedacht.«

So nach und nach stellten einige Brits fest, dass sie die Sache mit dem Austritt nicht so recht durchdacht hatten. Familie Irish beispielsweise fragte: »Ey, wat is denn eigentlich mit dem Zimmer, das wir uns teilen? Soll es da etwa wieder so einen Streit geben, wie wir ihn vor Jahren hatten?«
»Nee«, sagte Theresa. »Das, äh, regeln wir irgendwie.«
Onkel Scott, der im nördlichsten Teil der Wohnung wohnte, gerne mal einen über den Durst trank und immer so komisch sprach, sagte »Oi! Wat is dit für’n Quatsch? Ich glaube, ich lass mich scheiden!«
»Fängst du schon wieder davon an?«, sagte der Rest der Familie.
Allerdings nahm Scott dann noch einen Schluck und schlief wieder ein.

Theresa ging also wieder zu den anderen Familien und sagte: »Leute, wat is? Es bleibt alles beim Alten und wir zahlen einfach nicht mehr, okay?«
Und die Familien sagten wieder: »Keule, ham wa doch schon jesacht: Is nich. Wenn du nicht bald mit einer tollen Idee rüberkommst, dann kommt ein Zaun um eure Wohnung und dann müsst ihr halt sehen.«
»Aber wir würden halt auch gerne billig einkaufen.«
»Ja, aber ihr wolltet ja nicht mehr.«
»Und es können doch weiterhin Leute bei uns Pflaster kleben und sich um unsere Finanzen kümmern.«
»Na ja, da müssten wir aber klären, dass das relativ unkompliziert geregelt wird.«
»Das wollen meine Leute aber nicht.«
»Tja, dann … eben nicht.«
»Und was ist jetzt mit der Schokolade und den Keksen, die es immer für alle gab? Davon gebt ihr uns doch sicher noch ab, oder?«
»Noch einmal, ihr wollten das doch nicht mehr. Also könnt ihr auch keine Schokolade und Kekse haben.«
»Manno.«

Mittlerweile merkte die Familie Brits, dass Boris und Nigel gelogen hatten, aber die kicherten nur und erzählten sich weiter Witze in der Ecke auf dem Ledersofa. Manche aus der Familie wollten ihnen zwar eine Backpfeife geben, ließen es dann aber doch.
In einigen anderen Sippen des Hauses hatte auch so manches Familienmitglied geschrien, dass die Hausgemeinschaft blöd war, aber komischerweise sagte jetzt niemand mehr etwas dagegen. Stattdessen bemitleidete man die Familie Brits irgendwie.
»Also, ihr könntet vielleicht doch von unseren Einkäufen profitieren, aber dann müsst ihr euch weiter beteiligen. Ihr könnt dann aber nicht mehr sagen, was eingekauft werden soll.«
»Das ist ja dann noch viel blöder, als es vorher schon war, oder?«
»Ja, aber ihr wolltet ja nicht mehr, also …«
Also überbrachte Theresa diese Nachricht ihrer Familie, die das ebenfalls als bescheuerter empfand, als es vorher gewesen war.
»Ja, wat wollt ihr denn sonst?«, sagte Theresa. »Im schlimmsten Fall können wir zwar einkaufen gehen, müssen aber viel mehr zahlen. Dann haben wir kein Geld mehr für Schokolade und Kekse.«
»Die waren doch vorher immer umsonst!«
»Ja, jetzt aber nicht mehr!«
»Das ist doof!«
»Ach was?«, sagte Theresa und alle schauten sie verärgert an.
»Was ist denn mit uns?«, fragten ein paar Mitglieder der Familie, die sich vorher um die Finanzen der Hausgemeinschaft gekümmert hatten. »Wenn wir nicht mehr in der Hausgemeinschaft sind, haben wir ja gar keinen Job mehr.«
»Tja«, sagte Theresa.
»Das ist doof!«
»Ach was?«, sagte Theresa und alle schauten sie verärgert an.
Und das eine Familienmitgleid, das wusste, wie man Pflaster klebt, fragte: »Sagt mal, soll ich mich hier eigentlich alleine um die Gesundheit der Familie kümmern?«
»Zunächst. Vielleicht«, sagte Theresa. »Zumindest, bis wir mit dem Rest der Hausgemeinschaft etwas verabreden könnten.«
Familie Irish fragte mittlerweile auch noch mal nach: »Wat is denn jetzt mit dem Zimmer?«
»Also, wenn wir uns nicht einigen können, dann müssen wir da wieder richtige Wände einziehen.«
»Das ist aber eigentlich immer noch unser Zimmer!«, sagte Familie Irish und nannte die Brits bekloppt.

Theresa ging wieder zur Gemeinschaft und sagte: »Also, wenn ich mal einen ganz anderen Vorschlag machen dürfte.«
»Ja, wir sind ganz Ohr.«
»Wie wäre es, wenn wir alles so machen wie bisher, nur dass wir quasi einfach unseren Mund halten und die Füße still halten.«
»Damit könnten wir leben.«
Und die Familie Brits sagte: »Ey, nee! Wir sehen ja aus wie Trottel!«
Und der Rest der Straße sagte: »Ach was?«
Daraufhin erklärte die Hausgemeinschaft es noch einmal ganz genau: »Leute, erst wollt ihr nicht mitmachen. Dann doch. Dann wollt ihr nicht bei den offenen Türen mitmachen. Dann wollt ihr nicht bei der Währung mitmachen. Dann waren da noch ein paar andere Kleinigkeiten, bei denen ihr euch geweigert habt, dabeizusein. Ihr wollt nicht helfen, ein paar Leute aus dem brennenden Haus gegenüber aufzunehmen. Ihr seid die ganze Zeit nur am Rumnölen und wollt unter euch sein. Könnt ihr haben. Wir lassen euch in Ruhe, wenn ihr das wollt. Aber wenn ihr Kuchen, Kekse und billige Einkäufe haben wollt, dann müsst ihr dafür auch was tun.«

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann streitet Familie Brits sich bis heute darüber, was denn nun eigentlich gemacht werden soll …

Moses und die 10 Gebote

Das Volk Israel lagerte am Berg Sinai und Gott sprach: »Schön, dass ihr alle kommen konntet, aber bleibt mal alle vom Berg weg, denn ich komm runter. Außer du Moses, du komm mal rauf.«
»Ich bin hundertzwanzig Jahre alt und soll einen Berg raufklettern?«
»Ja, hm, also wenn du das so sagst … aber, ja. Denn ich will mit dir unter vier Augen reden. Oder so von Dornbusch zu Augen.«
Also stieg Moses auf den Berg und keuchte nicht schlecht, als er endlich oben angekommen war.
»Na, das hat ja ganz schön gedauert«, sagte Gott.
»Hundertzwanzig Jahre, ma sagn!«, entgegnete Moses.
»Nu heul ma nich, so alt werden ja die wenigsten.«
»Wat is denn nun? Weshalb wolltest du mich sprechen.«
»Ich hab da was für dich. Und deine Leute.«
Der flammende Dornbusch, der nicht mit den Fingern zeigen konnte, weil er keine hatte, ließ eine kleine Flamme zur Seite wandern, wo ein riesiger Haufen von Steinplatten lag.
Moses runzelte die Stirn.
»Dies«, sagte der Dornbusch, »sind meine zweihundertfünzig Gebote an euch.«
Und Moses sagte: »Wat?«
»Na, so Richtlinien, an die ihr euch halten solltet.«
»Wat?«
»Was genau hast du denn davon jetzt nicht verstanden?«
»Zweihundertfünfzig? In Worten: Zweihundertfünzig?«
»Gesprochen wirkt der Witz so nicht«, sagte Gott.
»Was für Gebote sollen das denn sein?«, sagte Moses und ging sich auf seinen Stock stützend zu den Steintafeln hinüber. Er legte den Stock beiseite und nahm dann eine Tafel hoch. Darauf war genau ein Satz geschrieben und Moses machte dicke Backen, als er den Stein anhob. Gepresst las er vor: »Du sollst den Tee nur drei bis fünf Minuten ziehen lassen.«
Und der Dornbusch sagte: »Genau.«
»Was zum Teufel soll das denn?«, sagte Moses, nachdem er die Platte wieder abgelegt hatte.
»Das sind Gebote, an die man sich halten …«
»Aber das ist doch völlig unwichtiger Kram!«
»Ey, ich bin der verdammte Gott, ich werde ja wohl noch wissen, was wichtig ist und was nicht.«
»Sollte da nicht lieber was zum Thema, was weiß ich, Mord und Totschlag drin stehen?«
»Da habe ich auch irgendwo eine Platte zu. Musst du vielleicht ein wenig wühlen.«
»Und was ist mit kein Sex mit Tieren, Minderjährigen und so weiter?«
»Das hältst du für wichtig?«
»Du nicht?!«
»Ja, hm …«
Moses ließ seinen Blick schweifen. Er sah eine andere Steinplatte, deren Schrift nach oben gedreht war. »Du sollst nicht im Schwimmbad ins Wasser pinkeln. Wat?«
»Vertrau mir da einfach mal«, sagte der Dornbusch.
Moses schaute sich um. »Und was genau soll ich jetzt mit den ganzen Steinplatten machen?«
»Na, es wäre wohl sinnvoll, wenn du die runter zu den Leuten bringen würdest, oder?«
»Ich soll 250 Steinplatten einen Berg runterschleppen? Ganz allein? Hatte ich schon erwähnt, dass ich hundertzwanzig Jahre alt bin?«
»Mehrmals.«
»Also?«
»Was jetzt genau?«
»Ich kann mich kaum auf den Beinen halten und soll 250 Steinplatten schleppen?«
»Nun, von alleine werden sie wohl kaum vom Berg kommen.«
»Bist du nicht allmächtig? Kannst du nicht mit dem Finger schnippen oder mit der Zunge schnalzen oder dich dreimal um dich selbst drehen und dann sind die Platten alle unten?«
»Das klingt mir jetzt zu sehr nach Effekthascherei.«
»Ich kriege die Dinger jedenfalls nicht vom Berg runter. Vielleicht können ein paar Leute die heruntertragen.«
»Nee, hier soll keiner rauf.«
»Warum nicht?«
»Ich will nicht, dass man mich so sieht.«
»Du bist buchstäblich ein Dornbusch«, sagte Moses.
»Ja, und ungekämmt.«
Moses runzelte die Stirn, sagte aber nichts weiter. Der Dornbusch sah irgendwie nachdenklich aus. So nachdenklich ein brennender Dornbusch eben wirken kann.
»Na, da sind wir ja jetzt in einer Zwickmühle«, sagte Gott als Dornbusch.
»Kannst du vielleicht ein paar weniger Platten daraus machen? Vielleicht sind ja ein paar von den Geboten jetzt nicht ganz so wichtig wie andere. Ich meine ja nur, dass man beim Pinkeln im Schwimmbad eventuell auch mal ein Auge zudrücken könnte.«
Der Dornbusch flackerte kurz. »Was wäre denn deiner Meinung nach eine angemessene Anzahl von Geboten?«
Moses wackelte mit dem Kopf. »Also, das kommt ein wenig darauf an.«
»Auf was genau?«
»Lass es mich so ausdrücken: Muss jedes Gebot allein auf einer Steintafel stehen?«
»Ich hielt das für eine gute Idee, kann man ab und an mal ein wenig mischen.«
Moses runzelte erneut die Stirn. »Also vielleicht bekäme man ja auch, sagen wir mal, so zwölf Gebote auf eine Tafel.«
Der Dornbusch machte »Pffft.«
»Was ist denn daran das Problem?«
»Ich hab halt eine große Handschrift«, sagte Gott.
Moses kratzte sich am Kopf und legte dann seine grauen Haare wieder zurecht. »Also, ganz ehrlich: Du brauchst da einen Lektor, der das ganze Zeug zusammenstreicht.«
»Das ist doch wohl ein Witz!«, sagte Gott.
»Wie soll ich die denn schleppen? Ich hab nur zwei Hände! Und auf einen Stock stützen muss ich mich auch. Vielleicht hättest du lieber Memnon, den Ochsen von Tanis, heraufschicken sollen.«
»Hätte, hätte, Sojabulette!«
»Wat?«, sagte Moses.
»Also«, sagte Gott ruhig, »ich verstehe das Problem und sehe ein, dass es vielleicht auch mit ein paar weniger Geboten geht.«
Moses seufzte erleichtert.
»Wir gucken uns die Platten an und entscheiden dann gemeinsam, welche Gebote wir behalten.«
»Kannst du nicht einfach sagen, was das für Gebote sind? Ich kann ja schlecht die zweihundertfünzig Steinplatten anheben, um die durchzugehen?«
»Warum nicht?«
»Ich bin hundertzwanzig Jahre alt, verdammt noch mal!«
»Sehr viel älter wirst du allerdings nicht, wenn du dich immer so aufregst.«
Moses rollte mit den Augen.
»Also, ich sage mal, dass ich es vielleicht auf hundert Gebote runterbrechen kann«, sagte der Dornbusch.
»Zwanzig. Höchstens!«
»Das ist ja weniger als ein Zehntel! Das geht nun wirklich nicht.«
Moses schaute auf die Tafel, die unter dem letzten Stein lag, den er hochgehoben hatte. »Du sollst nicht schmatzen. Also … warum denn eigentlich nicht?«
»Weil das total ekelhaft klingt.«
»Aber es gibt ja wohl wichtigeres als das! Du sollst keine Sklaven halten, zum Beispiel.«
»Och …«
»Alter, du hast uns gerade aus Ägypten rausgeführt, damit wir aus der Sklaverei kommen. Also das liegt doch jetzt wirklich nahe, oder nicht?«
Und der Dornbusch sagte: »Weiß nich.«
Moses rollte mit den Augen.
Schließlich sprach Gott: »Mann, zwanzig Gebote, wie soll ich das nur anstellen?«
Und Moses sprach: »Wie wäre es, wenn du etwas kleiner schreibst. Und auf beiden Seiten. Und vielleicht nur einfachen Zeilenabstand nimmst.«
»Das sieht doch hinterher auch wieder aus, als wären da Hühner drübergelaufen. Was ist denn mit zehn Steintafeln?«
Moses verschränkte die Arme vor der Brust. »Vier. Maximal. Ich weiß ja noch nicht mal, ob ich die tragen kann.«
So saßen Gott und Moses vierzig Tage und vierzig Nächte zusammen und diskutierten, wie das jetzt mit den Geboten und Steintafeln zu machen sei.
»Also so langsam kriege ich Hunger«, sagte Moses. »Vierzig Tage ohne Essen ist schon heftig. Wann sind wir denn endlich mal fertig?«
Der Dornbusch flackerte. »Na, so eine Tafel haut sich ja nicht von selbst. Aber da drüber sind die vier Tafeln.«
Moses nahm eine hoch und machte dicken Backen. Er nahm die Zweite und stöhnte schon ein wenig mehr. Vorsichtig balancierte er beide Tafeln unter einem Arm und versuchte die dritte Tafel anzuheben, aber ohne seinen Stock hatte er Probleme.
»Ich … ich kriege nicht mal drei Tafeln auf die Arme.«
»Nun stell dich nicht so an.«
»Hundertzwanzig!«
»Ja, doch!«
»Es geht einfach nicht. Vielleicht sollten wir doch nur die ersten zehn Gebote nehmen.«
»Nee, nee, nee, nee. Ich bin dir schon erheblich entgegengekommen.«
»Ich weiß nicht, ob ich das Entgegenkommen nennen würde, wenn ich statt handlicher Tafeln aus Ton oder Holz als alter Mann mit Steintafeln einen Berg herunterklettern muss.«
»Stein ist für die Ewigkeit«, sagte Gott.
»Solange niemand mit einem Hammer ausrutscht«, erwiderte Moses.
Dann schwiegen sie.
»Also wat jetzt?«, fragte Moses.
»Du hast gesagt zwanzig Gebote!«
»Wenn du das auf zwei Steintafeln kriegst, super.«
»Nee, nee, natürlich nicht.«
»Wie ich schon sagte: Mehr als zwei kriege ich nicht vom Berg.«
»Dann gehst du halt öfter.«
»Wenn ich den ganzen Tag Steintafeln von einem Ort zum anderen hätte schleppen wollen, dann hätte ich auch gleich in Ägypten bleiben können! Zwei! Ende der Diskussion.«
»Mann ey … dann bleiben wir halt bei den ersten zehn.«
»Die behandeln überwiegend den Kram, wo es um dich geht. Meinst du nicht, dass die anderen Gebote wichtiger sind?«
»ICH BIN DER HERR, DEIN GOTT, NIMM JETZT DIE ZWEI TAFELN UND GUT IST!«
»Ja, ja. Schon gut.«

 

Und wer jetzt Lust bekommen hat, mir dabei zuzuschauen und zuzuhören, wie ich die Geschichte vortrage, kann das hier tun:

Ein handlicher Ratgeber zum Erkennen von Nazis in Politik und Umwelt

In der heutigen Zeit, in der Nazis in schönem Anzug daherkommen – oder in Badehose, nachdem ihnen ihre anderen Sachen gestohlen worden – ist es manchmal etwas schwierig, zu erkennen, ob ein Politiker oder Mitmensch ein Nazi ist oder nicht. Die Wenigsten stellen sich ja in SS-Uniform hin und heben den rechten Arm. Manche geben auch irgendetwas von sich und halten es für normale Konversation, dabei ist es eigentlich braune Soße, die sich aus ihren Mündern ergießt. Insofern braucht man vielleicht etwas Unterstützung, um zwischen einer normalen Person, normalen Politikern und Nazis zu unterscheiden! Da möchte ich doch ein wenig helfen, vor allem wenn man sich selbst nicht ganz sicher ist, ob es nun schon einen braunen Rand hat oder nicht. Oder wem man bei Wahlen besser sein Kreuz gibt oder nicht. Bedienen sich Menschen bestimmter Phrasen und Wörter, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um einen Nazi handeln könnte. Je mehr davon genutzt werden, umso mehr Nazi steckt drin!

  1. Nazis sind nicht gut auf Ausländer zu sprechen. Ja, ich weiß, überraschend! Wobei das im Grunde nur die Ausländer betrifft, die irgendwie anders aus sehen als »wir«. Das »Wir« in diesem Falle ist Otto-Normalarier, wie es der gute Deutsche sein sollte. Also möglichst helle Hautfarbe und hellere Haare als schwarz. Also so mittel- bis nordeuropäisch. Je weiter südlich es geht – da gibt’s ja schon wieder dunklere Haare und einen dunkleren Teint – umso problematischer wird es! Spanier, Italiener und Griechen? Da ist ja schon wieder Faulheit-Gefahr! Und vermeintliche Faulheit, auch wenn sie eingebildet ist, mag der Nazi gar nicht.
    Manche Nazis haben schon dazugelernt und nutzen nicht mehr Wörter wie »Untermensch« oder »Rasse«, aber manchmal rutscht ihnen so etwas noch etwas wie »Kümmelhändler« oder »Kameltreiber« raus. Die anderen üblichen Wörter, wie z.B. das N-Wort, möchte ich nicht zitieren.
    Auch sehr beliebt: Das Zusammenfassen von Gruppen und Rückschlüsse von Einzelnen auf alle anderen machen. Wenn also irgendwo eine ausländische Person straffällig geworden ist, dann sind es gleich »die Syrer« oder »die Iraker«, die besagte Straftat begangen haben, nicht etwa das Individuum. (An dieser Stelle sei gesagt, dass man Leute einer politischen Gesinnung durchaus zusammenfassen kann. Also »die Nazis« oder »die rechten Idioten« wäre eine durchaus adäquate Bezeichnung, »die irakischen Kamelficker« aber nicht! Ja, ich weiß, da muss man sich erst einmal dran gewöhnen!)
    Beliebte Phrasen: »Ich habe nichts gegen Ausländer, aber …«, »die« (wobei »die« für alle »Andersartigen« steht), »Asylantenpack«, »kriminelle Ausländer«, »Multikulti« (oder – in manchen Bundesländern »Mutlikulti«), »Masseneinwanderung«, »Ethnopluralismus«, »Asyltourismus«, »Migrantenmob«
  2. Nazis sprechen gerne vom »Volk«. So wie: »Wir sind das Volk!«. Aber dabei muss man genau aufpassen! Meistens sprechen sie nämlich dabei nicht von der Bevölkerung, sondern von dem, was sie sonst als »Rasse« bezeichnen würden, wobei Otto-Normalarier natürlich die beste »Rasse« wäre. Wenn viele Leute aus anderen Ländern irgendwohin kommen, wird manchmal von »Umvolkung« gesprochen, weil die Nazis so eine Art Verschwörungstheorie im Kopf haben, nach der irgendwer die Bevölkerung durch Leute aus anderen Ländern ersetzt. Vermutlich die Juden. Siehe Punkt 3!
    Wichtige weitere Wörter und Phrasen in dem Zusammenhang: »Volksverdummung«, »Volksgemeinschaft«, »Heimat«, »Armes Deutschland«, »Volksverderber«, »Volksverräter«, »multikulturalisiert«, »Unsere Lebensart«, »Das Land unserer Väter«, »Volkskörper«, »Das ist unsere Stadt!«
  3. Nazis mögen andere Religionen nicht so. Wogegen im Grunde nichts einzuwenden wäre, da alle Religionen eher problematisch sind. Aber Nazis greifen die Personen einer Religionsgruppe an und unterstellen ihnen in der Regel mangelnde Hygiene, böse Absichten, Dummheit und was auch immer man sich noch an negativen Dingen ausdenken kann. Früher waren sie noch hauptsächlich gegen Juden, aber da sie ja dafür gesorgt haben, dass es heute nicht mehr so viele davon gibt, haben sie sich nun andere Leute ausgesucht. Meistens Muslime. Da gibt es auch so schöne Überschneidungen mit den Ausländern, da passt das schon.
    Ein weiterer Hinweis auf einen potentiellen Nazi besteht, wenn die Religion quasi als Schimpfwort benutzt wird. Nazis sind außerdem Heuchler. Sie tun so, als wären sie unglaublich christlich, weigern sich dann aber, nach christlichen Werten zu leben, was sich zum Beispiel darin äußert, dass sie ihren Nächsten – also anderen Menschen – lieber nicht helfen und z.B. fordern, dass Leute lieber im Mittelmeer ersaufen statt gerettet werden sollen.
    Typische Phrasen: »Der Islam gehört nicht zu Deutschland«, »Minirock statt Minarett«, »Maria statt Scharia«, »Islamisierung«
  4. Nazis sind sehr in der Vergangenheit verankert. Sie benutzen Worte und Phrasen von damals. Wenn also irgendwer von der »tausendjährigen Vergangenheit« spricht oder sich auf »tausend Jahre Deutschland« bezieht, stellt er damit einen Zusammenhang zum »tausendjährigen Reich« her, mit dem das Nazi-Reich betitelt wurde.
    Andere Phrasen: »Früher hätte es sowas nicht gegeben«, »Früher war alles besser«, »erfolgreiche deutsche Geschichte«
  5. Nazis finden Frauen und Familien toll. Zumindest solange sie nicht aus dem Ausland und nicht gleichgeschlechtlich sind. Homo-Ehe? Um Himmels Willen! Adoptionsrecht für Homosexuelle? Mein Gott, nachher wird das Kind auch noch schwul! Mitunter mag es den verirrten Schwulen oder die verirrte Lesbe in den Parteien geben, aber die machen dann den Eindruck eher als Alibi zu existieren. Wirklich toll sind nur die »echten« Frauen, die sie am liebsten daheim hinterm Herd sehen würden. Und mit möglichst vielen Kindern. Ohnehin sollte sich die Frau daheim – das klingt ja schon fast wie Heimat – ordentlich entfalten können. Aber selbstbestimmend sollte eine Frau nicht unbedingt sein. Abtreibung? Näh. Arbeiten gehen? Na ja, wenn es sein muss. Insofern möchte der Nazi gerne Frauen schützen. Auch vor deren eigenem Willen. Insofern wird auch schon mal mit Abbau von Sozialleistungen gedroht, wenn Frauen nicht ordentlich schwanger werden.
    Gerne wird auch der »Frauenschutz« vorgeschoben, um gegen Ausländer und andere Religionen zu wettern. Ach ja, und den Kindern muss man natürlich ordentliches Benimm beibringen. Nicht auszudenken, wenn da der Seitenscheitel nicht richtig sitzt.
    Stichworte: »aktivierende Familienpolitik«, »Gleichstellungstotalitarismus«, »Homosexualität ist gegen die Natur«, »In der Bibel steht …«, »Eine Gefahr für die traditionelle Ehe und Familie«, »Kuschelpädagogik«
  6. Nazis wollen Sicherheit. So viel Sicherheit wie es nur geht. Auch wenn dadurch die persönliche Freiheit eingeschränkt wird. Mehr Grenzkontrollen, denn die kriminellen, kranken, faulen, Arbeitsplätze klauenden Ausländer könnten ja kommen. Möglichst überall Kameras, damit auch ja jeder beobachtet werden kann. Man muss das Volk und die Heimat doch beschützen. Auch vor sich selbst. Deswegen sollten gerade Ausländer, Migranten und Asylsuchende auch in Lager. Zur Sicherheit des Volks. Außerdem kann man »die« da viel besser mit Molotow-Cocktails bewerfen, wenn die irgendwo eng zusammengepfercht sind. Da erwischt man dann auch viel mehr.
    Zur Sicherheit wird natürlich auch oft ein Ausbau des Militärs gefordert.
    Andererseits sind ja Polizisten Volksverräter, also kann man denen auch nicht wirklich trauen. Insofern wird auch gerne mal das Gesetz in die eigene Hand genommen. »Die Iraker« oder »die Syrer« haben was angestellt? Na, da wird gerne mal dem ein oder anderen mit bräunlicher Hautfarbe eine übergezogen. Könnte ja sein, dass der sowas auch macht. Und wenn nicht, na ja, dann weiß er jetzt, dass er über so etwas gar nicht nachdenken braucht! Auch wenn es ihm ansonsten nie in den Sinn gekommen wäre. Sicher ist sicher.
    Typische Phrasen: »Grenzen sichern«, »Asyl braucht Grenzen«, »Innere Sicherheit wieder herstellen«, »Wir schützen unser Land«, »Heimatschutz«
  7. Nazis stehen auf Kriegsfuß mit den Medien. Besonders mit Medien, die sich erdreisten, ihnen zu widersprechen. Denn Nazis finden nicht, dass objektiv berichtet werden sollte. Es sollte vielmehr so berichtet werden, dass möglichst ihr Standpunkt vertreten wird, auch wenn der von der Faktenlage her völlig falsch liegt. Das Objektivität der Grundstein des Journalismus ist … na ja, geschenkt. Denn hier wird gerne von den Nazis auf andere geschlossen: Nur weil Nazis sich die Welt so hinreden, wie sie sich sie ausdenken, nehmen sie an, dass es auch alle anderen tun.
    Phrasen und Wörter in dem Zusammenhang: »Fake News«, »Alternative Fakten«, »Lügenpresse«, »Realitätenerzeuger«, »Pressehuren«, »Propagandaministerium«
  8. Nazis finden Arbeitslose doof. Ihrer Meinung nach kann jeder Arbeit finden, egal ob er/sie dazu geeignet ist oder nicht. Insofern wollen sie auch gerne jegliche Hilfen für Arbeitslose kürzen oder abschaffen. Oder, noch besser, sie zur Zwangsarbeit zwingen.
    Beliebte Phrasen und Wörter: »Sozialschmarotzer«, »Bürgerarbeit«
  9. Nazis sehen sich oft als Opfer. Aus diesem Grund schieben sie gerne anderen die Schuld zu. Besonders gern natürlich Leute, die irgendwie den bereits erwähnten »Volksgruppen« angehören. Wenn also Politiker irgendwo stehen und großspurig einem Teil der Bevölkerung, Ausländern oder irgendeiner Verschwörung für irgendwas die Schuld geben, ist das ein guter Hinweis darauf, dass sie auf Nazi-Denke zurückgreifen. Es wird auch gern mal in Talkrunden aufgestanden und weggegangen, weil das so größeren Eindruck macht, als wenn man sitzen geblieben wäre. Natürlich geht das Hand in Hand mit dem Hass auf die Medien.
    Typische Phrasen: »die da oben«, »Weltverschwörung«, »Meinungsdiktatur«, »linksversifft«, »Homolobby«, »Man wird ja wohl noch sagen dürfen …«
  10. Nazis sprechen gerne von Gewalt. Kriminelle Ausländer müssen da schon mal mit Gewalt abgeschoben werden. Oder mit Gewalt daran gehindert werden, die Grenze zu übertreten. Mitunter wird davon gesprochen, dass es gut ist »Gewehre und eine Munitionskiste in der Garage« zu haben. Wenn man so will, kann man auch »entsorgen« dazuzählen, da damit sowohl die Abschiebung eines Asylsuchenden als auch anderweitige Lösungen bezeichnet werden könnten. Generell ist die Sprache mit Wörtern durchsetzt, die Gewalt nahelegen, wie z.B. »dann können wir endlich zuschlagen«, was sich in dem Zusammenhang nicht unbedingt auf eine gewaltsame Handlung beziehen muss, aber rhetorisch die Assoziation hervorruft.
    Beliebte Phrasen: »den Hals umdrehen«, »Schießbefehl«, »zur Rechenschaft ziehen«, »Grube ausheben und rein«, »bis zur letzten Patrone«

Abschließend bleibt zu sagen, dass jemand, der in der Form »Ich bin ja kein Nazi, aber …« argumentieren muss, vermutlich gleich etwas von sich gibt, was ein Nazi sagen würde. Muss nicht unbedingt etwas Nazihaftes sein. Es könnte auch sein, dass der Satz »Ich bin ja kein Nazi, aber grün ist eine schöne Farbe« lautet. Man sollte aber genau hinhören.

Ach ja, falls man ein besorgter Bürger ist, der aus irgendeinem Grund die Vermutung hat, dass die bösen, bösen Ausländer hier alles kaputt machen, weil einem das andere Leute sagen: Wenn die Typen dann den rechten Arm zum Nazi-Gruß erheben … ist das ein guter Hinweis darauf, dass die Typen vielleicht Nazis sind und Scheiße erzählen. Denn das ist so ihr Ding: Nazis erzählen Scheiße. Braune Scheiße. Und wer will die schon in seiner Nähe haben?

Zum Abschluß noch ein paar handliche Regeln, an die man sich vielleicht halten könnte:

  1. Gewalt gegen andere Menschen – egal welche Menschen – ist nicht Ordnung, es sei denn man wird gerade selber physikalisch angegriffen.
  2. Nachdenken bevor man handelt. Vielleicht gibt es ja Leute, die für bestimmte Dinge besser ausgebildet sind und sich darum kümmern sollten, wie z.B. die Polizei, die besser geeignet ist, einen Mord aufzuklären, als man selbst.
  3. Wenn man wegen irgendwas rumbrüllen muss, dann hoffentlich nur, um jemanden davon abzuhalten sich potentiell schwer zu verletzten. Oder weil man selbst schwer verletzt ist. Physikalisch. Ansonsten kann man sich das vermutlich sparen.
  4. Jemanden oder etwas zu hassen, ist kein natürlicher Zustand. Man muss nicht jeden lieben oder gar mögen, aber Hass kostet einfach nur Energie und macht einen selber fertig. Warum sich also mit so etwas abgeben?
  5. Einfach mal kein Arschloch sein. Kurz darüber nachdenken: »Ist das, was ich tun will, irgendwas, was anderen Leuten psychischen oder physikalischen Schaden beschert?« Ist die Antwort ja, ist die Chance groß, dass man ein Arschloch ist.

Wähle kein Arschloch. Unterstütze kein Arschloch. Sei kein Arschloch.

Das Schiff der Verdammten – Gedanken zum Holocaust und der Flüchtlingskrise 2018

Achtung: Akute Tiraden-Gefahr!

Denen, die hier öfter mitlesen, dürfte wohl klar sein, wie ich in der Frage der Flüchtlingskrise stehe. Um es noch mal ganz deutlich zu sagen: Ich habe grundsätzlich ein Problem damit, Leute irgendwo verrecken zu lassen. Ganz besonders im Meer, immerhin war ich – ganz wie Martin in meinem Buch »Der Tod und andere Höhepunkte meines Lebens« – früher mal Rettungsschwimmer und -taucher. Meine Idee dahinter war ja auch nicht zu Ertrinkenden zu schwimmen und dann zu sagen: »Tja, hättest du mal Schwimmen gelernt, was?«
Mir stößt es auch sauer auf, wenn damit argumentiert wird, dass die ja in den Ländern bleiben könnten, von denen sie aus flüchten oder ins Meer starten. Das ist in etwa so, als würde ich jemanden in einem brennenden Haus sagen: »Ja, weißte, geh doch ins Erdgeschoß, da brennt es noch nicht.«
Noch mehr ärgern tut mich aber, dass man – mal wieder – nichts aus der Geschichte lernt. Denn – Überraschung! – wir hatten das alles schon mal!

Setzt euch hin, nehmt euch einen Keks und hört Onkel Sebastian mal zu, wie er euch von St. Louis erzählt. Nein, nicht der Stadt … dem Schiff!

Im Mai 1939 war es in Deutschland irgendwie nicht mehr wirklich gemütlich. Hitler war schon sechs Jahre an der Macht und hatte praktisch von Anfang an die Juden verfolgen lassen. Nun durften sie nicht mehr so leben wie zuvor, Konzentrationslager gab es auch schon eine Weile und alles war daraufhin ausgerichtet, es ihnen so schwer wie möglich zu machen. Trotzdem blieben viele, denn Deutschland war ihre Heimat. Selbst als sie 1935 ihrer Bürgerrechte beraubt wurden, blieben viele. Manche vielleicht auch, weil sie es sich schlichtweg nicht leisten konnten, auszuwandern. Aber nach der Reichskristallnacht 1938 dachten dann doch etliche: »Also wenn wir hier um unser Leben fürchten müssen, gehen wir doch lieber ins Ausland.«
1933 wanderten um die 38.000 Juden aus. 1934-1937 waren es jährlich so ca. 20.000-25.000. 1938 sprang die Zahl auf 40.000.
1938 hatten dann auch ein paar Länder eine Konferenz in Évian, wo sie lang und breit diskutierten, wie man denn mit den jüdischen Flüchtlingen umgehen sollte. Das war nämlich mittlerweile zum Problem geworden. Die bösen, bösen jüdischen Flüchtlinge wollten nämlich bestimmt nur den Leuten die Arbeitsplätze wegnehmen. Oder – was weiß ich – die westliche Welt verjüdisieren. Terroranschläge wollten sie bestimmt auch machen. Und die teilnehmenden Länder, darunter die USA, Kanada, Mexiko, Frankreich, Großbritannien und Australien, sagten alle: »Nee, die wollen wir nicht. Wir haben ja eigene Probleme und so. Und überhaupt: Iiiiih, Juden.«
Einige Länder, vor allem in Osteuropa, gingen sogar so weit zu sagen: »Wisst ihr was: Wir hätten da auch noch Juden, die wir gerne loswerden würden.«
Die meisten Länder reagierten nach der Art: »Na ja, aufnehmen können wir die nicht. Durchreise … ja, vielleicht … aber ansonsten …«. Ein paar Länder jedoch sagten tatsächlich: »Aber wir würden einen ganzen Haufen nehmen.« So z.B. die Dominikanische Republik, dessen »Präsident« – eigentlich Diktator – im vorherigen Jahr 27.000 schwarze Haitianer ermorden ließ, damit das Land etwas weißer werden würde. Da hätten die Juden bestimmt viel Spaß mit dem gehabt, aber die konnten sich ja nicht wirklich äußern, denn man hatte vorsorglich keine zur Konferenz eingeladen. Warum auch … hätte man ja hören müssen, was die zu sagen haben.
Im Endeffekt einigte man sich darauf, dass man ein Komitee gründen sollte, dass sich darüber dann mal Gedanken macht.

Soweit zum damaligen Stand der Dinge.

1939 lässt Deutschland noch Juden ausreisen. Ein paar Juden hatten sich Touristenvisa für Kuba und manche sogar Einwanderungspapiere für die USA beschaffen können. Am 13. Mai 1939 stiegen sie alle auf das Kreuzfahrtschiff »St. Louis« der Hapag. An den Hamburger Landungsbrücken verabschieden sich Familien, wohl wissend, dass sie sich wohl nicht mehr sehen werden. Eine Kapelle spielt »Muss I denn zum Städtele hinaus«, weil das überhaupt keinen höhnischen Eindruck macht.
Der Staat hatte vorher den Ausreisenden praktisch alles genommen. Jeder Passagier durfte nur 10 Reichsmark und Waren im Wert von 1000 Reichsmark mitnehmen. Im Grunde wollte der Staat sicherstellen, dass die Flüchtlinge dem Land, in das sie zu migrieren versuchten, auch wirklich zur Last fallen würden.
War die Stimmung anfangs auf dem Boot noch hoffnungsvoll, wurde den Leuten doch nach einer Weile klar, dass sie mit einem Touristenvisum unter Umständen nicht lange hinkommen. Außerdem gab es Gerüchte an Bord, dass es in Kuba einen Regierungswechsel gegeben und die neue Regierung die Einreisebedingungen verschärft hätte. Einer der Passagiere starb an einem Herzinfarkt und vorsorglich nahm man eine Seebestattung vor, um die Einreise nicht zu gefährden. Ein anderer Passagier, offenbar schon völlig runter mit den Nerven, sprang gleich hinterher und konnte nicht mehr gerettet werden.
Am 27. Mai konnte die St. Louis dann in Havanna anlegen. Alle freuten sich schon, aber dann kamen Soldaten und drängen sie wieder zurück aufs Schiff. Die Regierung behauptete, dass die Einreisebewilligungen illegal waren. Bis heute was man nicht so richtig, was los war. War vielleicht wie heute in Deutschland, wo man erst sagte: »Yay, toll, dass ihr überlebt hat, Flüchtlinge!« Und danach »Boah, geht doch wo ihr wohnt.«
Die Stimmung an Bord war danach nicht gerade bombig zu nennen. Der Kapitän, der sich um Lösungen bemühte, wurde nun angefeindet. Ein Passagier schnitt sich die Pulsadern auf und sprang über Bord, weil er dachte: »Doppelt hält besser.« Man konnte ihn jedoch retten. Daraufhin ordnete der Kapitän allerdings »Selbstmordverhütungsrundgänge« an. Der Typ, der sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte, wurde dann aus Mitleid an Land gelassen. Da dachten sich die anderen Passagiere bestimmt auch:« Hmmm, Pulsadern!« Auf jeden Fall war der Typ, der an Land gelassen wurde, damit noch einer der Glücklichen.
Kuba verscheuchte das Schiff. »Husche, husche!«
Selbst der Kapitän wusste nicht wirklich, was er machen sollte. Also fuhr er erst mal Richtung Florida. Die USA sagten aber: »Leute, wir haben eine Quote, die haben wir erfüllt. Tschüssikowski.«
Das wollte der Kapitän aber nicht so auf sich sitzen lassen. Er versuchte, illegal zu landen, allerdings wurde das bemerkt. Danach wurden sie noch von Flugzeugen bedroht.
Dem US-Präsident Roosevelt kamen Zweifel: »Ach, lassen wir die doch rein«, aber sein Außenminister Cordell Hull entgegnete »Nee, nachher kommen noch mehr oder so. Dann wird hier alles verjüdischt.«
Daraufhin sagte Roosevelt: »Ey, steht nicht auf der Freiheitsstatue sowas wie ›Gebt mir eure Müden, eure Armen/Eure geknechteten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen‹? Heißt das nicht, dass wir uns um die kümmern sollten?«
»Äh, ach was, sind doch nur Schmarotzer«, sagte Hull und freute sich schon mal auf den Friedensnobelpreis, den er später bekommen sollte.
Die St. Louis schipperte dann noch ein wenig hin und her, aber war kurz davor keinen Sprit mehr zu haben, bis dann Großbritannien, Belgien, die Niederlande und Frankreich sagten: »Ja, Mann, dann kommt halt her.«
Also kamen die Juden zurück nach Europa, weil da die Lage so absolut super war.

Kein halbes Jahr später überfiel Deutschland die anderen Länder. Die Juden wurden zusammengetrieben, in Konzentrationslager geschafft und dort umgebracht. Von den 937 Juden an Bord der St. Louis starben 254 während des Holocaust. Nur die in Großbritannien gebliebenen Flüchtlinge waren sicher. Ach ja, und dann waren da noch die sechs Millionen anderen Juden, die nicht flüchten konnten …

Es gab noch andere Schiffe, wie die St. Louis. Diese hatten ein ähnliches Schicksal. Und heute wird es wieder ganz genau so gemacht, wie damals schon. Nur das die heutigen Flüchtlinge noch nicht mal ein ordentliches Schiff haben, auf dem sie unterkommen können. Und wieder wird die Unmenschlichkeit und das Unvermögen der westlichen Länder auf Kosten der Migranten zur Schau gestellt. Diesmal wird nur von deutscher Seite vorgeschlagen, ob man nicht Konzentrationslager aufbauen könnte. In den einzelnen Ländern. Das Know-How könnten wir den Ländern ja vielleicht noch verkaufen. Muss sich doch auch lohnen …

Es streitet niemand ab, dass in den Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen, eine Lösung erfolgen muss. Um noch einmal die Analogie des brennenden Hauses zu benutzen: Natürlich muss die Feuerwehr das brennende Haus löschen. Solange muss ich mich aber um die flüchtenden Einwohner kümmern, die ganz offensichtlich nicht zurück in ihre Wohnungen können. Sie einzusperren, nicht heraus zu lassen und ihnen jede Hilfe zu verweigern ist schlichtweg Mord.

Christopher Street Day

Am 28.06.1969 kam es zu einem gewaltsamen Konflikt zwischen Homosexuellen, Transsexuellen und Polizisten in New York. Es war eines der wichtigsten Ereignisse in der Lesben- und Schwulenbewegung und wird in der Regel jedes Jahr an einem Wochenende um dieses Datum herum gefeiert. Je nachdem wo man auf der Welt wohnt, wird an dieses Ereignis mit dem Namen der Straße, in welcher der Aufstand stattfand, gedacht, oder mit dem Namen der Kneipe, wo der Konflikt begann: Im englischsprachigen Raum ist es Stonewall oder Stonewall Day, im deutschen Sprachraum der Christopher Street Day.

Um zu erklären, was da eigentlich los war, hole ich mal ein wenig aus:
Während man in der Antike – keine Bange: Ich fasse mich kurz – der Sache mit der Homosexualität recht aufgeschlossen gegenüberstand, kam irgendwann die Kirche und sagte: »Iiiiiih, könnt ihr doch nicht machen.«
»Warum nicht?«, fragten die Homosexuellen. »Jesus hat dazu nie was gesagt und das, was im alten Testament steht, gilt ja eigentlich nicht mehr, insofern …«
»Könnt ihr nicht machen, basta!«
»Manno.«
Solange der christliche Glaube stark war, hielt man sich mit der ganzen Homosexualität also eher bedeckt. Aber wie das nun mal so ist: Man sucht sich das ja nicht aus. Schwule und Lesben gab und gibt es immer wieder. Und wie es so schön heißt: »Gleich und gleich gesellt sich gern«, insofern gab es natürlich auch immer Treffpunkte, an denen Homosexuelle zusammentrafen.

1969 war ein Jahr, welches das Ende eines Jahrzehnts markierte, in dem einschneidende Dinge in Amerika passierten. Kalter Krieg; Kubakrise; ein erschossener Präsident; Musik, die von etwas mehr handelte als »Schubidubidu«, was sicher auch an der besseren Verbreitung von Drogen lag … aber eben auch die Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen und der Vietnamkrieg und die damit verbundenen Demonstrationen im Land. Die beide letzten Punkte hatten letztendlich zu einer starken Protestkultur in den USA geführt. Man stand der Polizei und ihren teilweise fragwürdigen Methoden nicht mehr hilflos gegenüber. Alle waren sich viel mehr ihrer Rechte bewusst. Und das ging auch an der Homosexuellenszene nicht vorbei. Es gab einige Politiker, die sich öffentlich dazu bekannten schwul zu sein und die ersten Bewegungen für Homosexuellenrechte waren entstanden. Aber noch gärte es unter der Oberfläche.

In den USA war es gang und gäbe, Razzien in Kneipen oder Etablissements durchzuführen, die als Schwulentreffs bekannt waren. Die Polizei nahm die Personalien der angetroffenen Personen auf, um sie dann zu veröffentlichen. Das war für die Homosexuellen wenig prickelnd, denn auch Chefs oder Mitarbeiter waren durchaus Kleingeister, die dachten, dass die sexuellen Vorlieben ihrer Kollegen sie irgendwas angingen. Man rennt ja ansonsten auch nicht herum, und erzählt seinen Kollegen: »Rat mal, was ich am Wochenende mit meiner Frau, drei Bananen, zwölf Kondomen und acht Liter Pflaumenmus gemacht habe?« Wissen will man es auch nicht. Na ja, vielleicht ein wenig, aber es geht einen halt nichts an. Als Homosexueller, der oder die sich das nicht aussuchen konnte, wurde man so schnell mal schief angesehen, geschnitten oder gar arbeitslos.
Irgendwann ging man in Amerika sogar so weit, dass man »Lockvögel« benutzte, um anderen Leuten Anstößigkeit oder unsittliches Benehmen anhängen zu können. Irgendwann schien man aber darauf zu kommen, dass das, was zwischen zwei den Dingen zustimmenden Erwachsenen zugeht, eigentlich nicht beachtenswert ist. Dann wollte man offenbar einfach den Leuten nur noch die Abende versauen: »Wat is’n, wenn wir den Ausschank von Alkohol an Homosexuelle verbieten?«
Wie oben bereits erwähnt: In den 60er Jahren gab es die ersten Schwulenrechtsbewegungen, und die brachten die Menschenrechtskommission dazu einzugreifen und zu sagen: »Dat lasst mal schön bleiben.«
In der Folge schossen Bars für Homosexuelle aus dem Boden. So auch das Stonewall Inn.

Das Stonewall Inn war eine Bar nicht nur für Schwule und Lesben. Auch Individuen, die sonst nicht gerne gesehen wurden, waren dort zu Gast. Mit anderen Worten: Schwarze und Latinos.
Dummerweise war die Kneipe in der Hand von Mafiosi, eine Schankerlaubnis hatte sie auch nicht und die Polizei fand, dass man da mal was machen müsste. Außerdem gab es in der Zeit Diebstähle bei Börsenhändlern der Wall Street, die man mit Homosexuellenkreisen in Verbindung brachte oder zumindest mit den Mafiosi, die den Laden betrieben. Und schwarze Schwule oder Lesben gingen in den Augen der Polizei schon gar nicht.

Am Tag vor der Razzia im Stonewall Inn fand die Beerdigung der Schwulenikone Judy Garland statt. Die Schauspielerin, welche die meisten wohl aus dem Film »Der Zauberer von Oz« kennen, hatte mal gesagt, dass ihr egal war, dass sie für viele Schwule eine Ikone war, weil sie einfach für alle Menschen singen wollte. Mit anderen Worten: Bei Schwulen und Lesben hatte die echt ein Stein im Brett und alle liebten sie. Insofern war man in diesen Kreisen schon etwas aufgewühlt, bevor es überhaupt zu Handgreiflichkeiten kam.
Nachts um halb Zwei kam die Polizei in die Kneipe und begann Leute festzunehmen. Dabei ging sie wenig zimperlich vor, denn – klar – man hatte bei den Protesten der Schwarzen und Vietnamgegner gelernt, wie man mit seinem Schlagstock umzugehen hatte. »Erst kloppen, dann fragen. Am besten kloppen, bis man nicht mehr fragen kann.« So oder ähnlich war das. Die Polizei war auch nicht gerade für ihre Subtilität bekannt. Oder für den Mangel an Leuten, die Freude dabei empfanden, wenn man Leute belästigen konnte. Insofern war es für die Homosexuellen wohl durchaus erniedrigend, als bei etlichen zunächst mal festgestellt werden musste, ob sie Männlein oder Weiblein waren. Männer in Frauenkleidern, die auf der Toilette als solche identifiziert wurden, führte man ab. Ein paar Lesben wurden von der Polizei besonders eingehend untersucht. Das war dann diese »Du brauchst nur mal einen richtigen Mann«-Nummer.
Die Leute, die man gehen ließ, sammelten sich entgegen der sonstigen Vorgehensweise, welche man am besten mit: »Ich mach mal, dass ich weg komme« umschreiben konnte, draußen vor der Tür und beobachteten das Geschehen. Die Menge wurde immer größer, da auch aus umliegenden Kneipen weitere Zuschauer kamen.

Und so langsam wurde der Polizei mulmig.

Als einer der Polizisten einen Transvestiten schubste, der ihm daraufhin seine Handtasche über den Kopf zog, begann die Menge unruhig zu werden. Gerüchte darüber, dass im Inneren der Kneipe Leute verdroschen wurden, machten in der Menge draußen die Runde. Kleingeld und Bierflaschen wurden gegen die Autos der Polizei geworfen. Die Menge begann zu buhen.
Dann wurde eine Lesbe herausgeführt, die sich beschwerte, dass ihre Handschellen zu eng waren. Sie wehrte sich gegen die Grobheit der Polizisten und wurde von einem Schlagstock am Kopf getroffen. Und das war dann praktisch das I-Tüpfelchen bzw. die Beule am Kopf, die den Mob zum Ausrasten brachte.
Während einige Polizisten den Herannahenden ordentlich eins auf die Rübe gaben, was die Zuschauer noch ärgerlicher machte, reagierten andere Polizisten mit »Ohshitohshitohshit«. Sie setzten sich ins Auto und hauten ab. Andere verschanzten sich in der Kneipe.
Irgendwann erschien dann eine Sondereinheit der Polizei, um die Beamten in der Kneipe zu befreien, und formierte eine Phalanx, um den Mob zurückzutreiben. Der reagierte darauf, in dem er eine Kick Line à là »A Chorus Line« formierte und dabei zotige Lieder sang. Aber vermutlich hatten die Polizisten irgendwann genug von der Demonstration solcher Schwulheit und schlugen drauflos – weil sie von ein paar Drag Queens verarscht wurden.
Ein paar Stunden später war im Stonewall Inn praktisch alles kaputt, dreizehn Leute waren verhaftet, einige im Krankenhaus und die Gemeinde der Schwulen und Lesben vereint wie noch nie. Am nächsten Abend machte das Stonewall Inn wieder auf und über 1000 Leute versammelten sich auf der Straße, laut »Gay Power!« rufend. Wieder erschien die Polizei und wieder passierte das, was am Tag zuvor passierte: Kick Lines wurden aufgestellt und die Polizei schlug sie nieder.
Aber der nun öffentlich zur Schau gestellte Stolz der Schwulen und Lesben griff auf immer mehr Leute über. Landesweit. Gruppen für Homosexuelle wurden gegründet, die sich nicht mehr hinter obskuren Namen verbargen, um den eigentlichen Zweck zu verschleiern. Erstmals benutzten Gruppen öffentlich das Wort »gay« in ihren Namen. Einige der Organisationen übernahmen die Taktiken der Schwarzenbewegung oder der Anti-Kriegsdemonstraten. Schwul oder lesbisch zu sein, wurde nicht mehr versteckt.

Sicher, die Razzien auf Schwulenbars hörten deswegen nicht auf. Zumindest zunächst nicht, aber das Zeichen war gesetzt. Und es ist kaum abzustreiten, dass sich seitdem eine Menge getan hat, auch wenn es immer noch Idioten gibt, die meinen sich in die Belange von Anderen einmischen und darüber urteilen zu müssen, was wer in seinem privaten Umfeld macht.

Ein Jahr nach dem Vorfall in der Christopher Street gab es die ersten »Gay Pride«- Märsche in mehreren Städten der USA. Zwei Jahre darauf fanden diese auch in mehreren internationalen Städten statt, darunter West-Berlin. Mittlerweile sind die Märsche für viele nicht mehr aus den Städten wegzudenken. Dieses Jahr finden in 241 Städten weltweit »Gay Pride«-Märsche statt.

In vielen deutschen Städten wird der Christopher Street Day dieses Jahr übrigens am 28.07. gefeiert, also genau einen Monat nach dem eigentlichen Tag. Geht da ruhig mal hin. Wenn man etwas über die CSD-Demonstrationen behaupten kann, dann ist es, dass sie wesentlich spaßiger, als alle anderen Demonstrationen sind.

 

Der Text stammt ursprünglich aus dem Jahr 2018, deswegen können manche Daten nicht mehr stimmen.